13 Dezember, 2005

Molto goes Film

– ein Soundtrack für Lang´s Spione



„Zeitlose Musik für einen zeitlosen Film“ wollten sie komponieren, so Bert Röhner, das „Spiel mit den Konventionen“ hätte dabei nicht im Vordergrund gestanden. Konvention heißt für Stummfilme improvisierte Pianomusik, die die Handlung untermalt, den Spannungsbogen anzeigt und dadurch den in Textboxen dargestellten Dialog emotional wiedergibt. Die Leipziger Band „Molto“ wollte aber die „Spione“ von Fritz Lang nicht nur einfach in einem Live-Akt neu interpretieren, sondern eine durchaus reproduzierbare Filmmusik schaffen. Dabei seien ihnen die Parallelitäten der Agentengeschichten zwischen Lang´s 326 und James Bond aufgefallen, sagt Röhner, der Keyboarder von Molto – „der klassische Kampf Gute gegen Böse“. Dies hätte sie zur einem Soundtrack inspiriert, der aus den 60ern sein könnte, jedoch auch Elemente aus der Jetztzeit enthält.
Die Schaubühne Lindenfels – einer der wichtigsten Orte für Kultur jenseits des Mainstreams in Leipzig - hatte die Musiker eingeladen, dort einen Stummfilm musikalisch zu gestalten. Für die Auswahl des Filmes sei entscheidend gewesen, dass die „Spione“ seit kurzem in einer rekonstruierten Fassung vorlägen und außerdem nicht zu den absoluten Klassikern der Stummfilme zählen würde, die in regelmäßigen Abständen zu sehen seien.
Über ein halbes Jahr hat Molto an den musikalischen Themen gefeilt, die die altbewährte Mischung von Jazz- und Elektro-Pop-Elementen der Band aufgreift und in zwölf Themen bündelt, die im Laufe des zweieinhalbstündigen Filmes variiert werden. „Faszinierend ist“, so Röhner, „wie leicht einem das Spielen auf die Länge des Films doch von der Hand geht“, muss doch während der Aufführung auch zwischen den Musikern alles stumm funktionieren. Wichtig ist den Musikern von Molto den Klassiker von Lang „heute zu verorten, ohne anmaßend zu wirken“.
Ob der Band das Experiment gelingt, eine Filmmusik live aufzuführen, die in ihrer musikalischen Präsenz eine ganz andere Dominanz besitzt als eine einfache Klavierbegleitung, ohne sich über den Film zu stellen, darf das Publikum am 27. Januar im Lindenfels erleben. Letztendlich wird die Symbiose von Musik, Raum und Film jedoch eine völlig neue Wahrnehmung auf alle vertretenen Elemente werfen und sicherlich auch für eingefleischte Molto-Fans Horizonte weiten.

09 Dezember, 2005

Lost and Found

Generation im Aufbruch


Lost and Found (D, BG, RO, BA, HU, YUG, EE, 2005)
R: Nadejda Koseva, Cristian Mungiu, Jasmila Zbanic, Kornél Mundruczó, Stefan Arsenijevic, Mait Laas

Ein „Omnibusfilm“ zum Thema „Generation“ war die Idee von Nikolaj Nikitin, dem künstlerischen Leiter des Projektes „Lost and Found“. Nikitin, der das Kölner Filmmagazin „Schnitt“ herausgibt und auch als Osteuropadeligierter auf der „Berlinale“ tätig ist, fiel auf, dass es gerade in Mittel- und Osteuropa „viele sehr kraftvolle Filmemacher“ gibt. Allerdings fehle es oft an der nötigen Infrastruktur und ausreichend finanziellen Mitteln, um Filme auf „handwerklich und technisch befriedigendem Niveau zu realisieren“.
Das Filmprojekt wurde von relations – eine Initiative der Kulturstiftung des Bundes - gemeinsam mit der Kölner Produktionsfirma Icon Film entwickelt.
In fünf Workshops erarbeiteten Nadejda Koseva (Bulgarien), Cristian Mungiu (Rumänien), Jasmila Zbanic (Bosnien-Herzegowina), Kornél Mundruzcó (Ungarn), Stefan Arsenijevic (Serbien / Montenegro) und Mait Laas (Estland) ein Konzept, das die einzelnen Episoden verknüpfen sollte. Die Produktion fand in den jeweiligen Herkunftsländern mit einheimischen Produzenten statt, für die Postproduktion traf man sich wieder in Deutschland.
Thematisch beziehen sich die Filme meist auf den Bruch zwischen den Generationen - ein universelles Moment – welches in den Ländern Osteuropas aber durch politische und gesellschaftliche Entwicklungen eine besondere Dimension innehat. Eine Problematik die gerade auch hierzulande ihre Zuschauer finden sollte, versuchen doch auch die Deutschen immer noch ihre neueste Geschichte aufzuarbeiten.
So führen uns die jungen Filmemacher zu einer Hochzeitsgesellschaft in ein bulgarisches Dorf, lassen uns mit einem jungen Mädchen nebst ihrem Lieblingstruthahn nach Bukarest ans Krankenbett ihrer Mutter reisen und erleben wie eine alternde Fahrkartenverkäuferin ihre Straßenbahn entführt. Die Erzählsprache ist intensiv und eigenwillig anders als in vielen westeuropäischen Filmen, stützt sie sich doch eher auf eine starke emotionale Bildebene mit metaphorischen Elementen, als auf den Dialog. Einziger Wermuthstropfen ist der Versuch einer zwanghaften Verknüpfung der Filme durch den Animationsfilm Gene+Ratio aus Estland, die sich visuell und inhaltlich nicht nachvollziehen lässt. So (be)stehen die Filme jeder für sich – vielleicht auch ein Ausdruck für das Filmschaffen einer neuen Generation in Osteuropa.

11 November, 2005

Terkel in Trouble


Terkel in Trouble (Dänemark 2004)
R:Stefan Fjeldmark, Kresten Vestbjerg Andersen, Thorbjørn Christoffersen

Der erfolgreichste dänische Familienfilm aller Zeiten, ausgezeichnet mit dem Oskar des gemütlichen, nordischen Landes, genannt Robert, sorgte vor allem wegen seiner politischen Inkorrektheit, einer niveaulosen Sprache, und seinem fehlenden Bildungsanspruch für Furore.
In Dänemark aber hat bitterböser Realismus für Kinder Tradition. Kultcomedian Anders Matthesen, der geistige Vater Terkels, schrieb einst dessen Erlebnisse im Schulalltag für eine, auch von Eltern, gern gehörte Radiosendung auf. Ein begeisterter Hörer, Stefan Fjeldmark, erschuf nun die Trickfilmfiguren zu den Charakteren, die weder kindlich niedlich noch liebenswert sind, doch politisch inkorrekt hin oder her, dänische Stereotype mit viel Humor auf die Schippe nehmen und gesellschaftliche Realitäten gekonnt überspitzen. So gibt es eben auch im dänischen Sozialstaat Ecken, in denen Kinder wie Jason, Terkels bester Freund, wohnen. Der geht nicht ohne seine Eisenstange vor die Türe, weil man ja nie wisse, wozu man die mal gebrauchen könne. Auch werden durchaus Kinder auf Schulhöfen gemobbt und es fließt Blut, nicht nur in Horrorfilmen. Terkels Mutter ist eine kettenrauchende Hypochonderin, der Vater ein notorischer Nein-Sager, sein Onkel Stewart, ein Seemann und gewalttätiger Trunkenbold. Dieser bringt Terkel in größte Schwierigkeiten, weil er den beiden Dummköpfen Sten und Saki die Leviten etwas zu ausführlich liest. Gunnar, der schwule Klassenlehrer und Allesversteher empfiehlt Terkel die beiden zur Rede zu stellen.
Dies passiert dann in einem der vielen Songs – in der deutschen Fassung von Bela B. interpretiert - die den Rhythmus des Filmes entscheidend mitgestalten. Ende vom Lied ist Terkels blutende Nase. Mit seinen ironischen Details und fast brutalen Wendungen bleibt der Überlebenskampf eines geborenen Verlierers bis zum Ende schockierend, aber vielleicht eher für die Eltern als für die Kinder – die gehen schließlich heutzutage zur Schule.

09 November, 2005

Goldene Zeiten


Goldene Zeiten Deutschland 2005
R: Peter Thorwarth
D: Wotan Wilke Möhring, Dirk Benedict, Wolf Roth, Alexandra Neldel u.a.

Es ist nicht auszumachen ob man sich auf der sicheren Seite wähnen kann, wenn man diesen Film hinter sich hat. Die sichere Seite wäre vielleicht, den Vorstadtsiedlungen der Eltern, mit ihren soliden Autos, Flechtkränzen und gepolsterten Gartenmöbeln entkommen zu sein. Nicht wie Ingo (Wotan Wilke Möhring), genau dort wieder zu wohnen. Weil ein bisschen was schief lief mit der New Economy und es mit dem Eventmanagement nicht viel besser geht. Weil man irgendwann Anwärter war auf das, was man gehobenen Mittelstand nennt, der in Unna nicht viel anders stolz auf seinen neuen Golfclub ist, als in anderen großen bis mittleren Kreisstädten.
Die Besetzung des grünen Rasens ist durchschnittlich: falsche Lippen (die Frau des Präsidenten), falsches Blond (der Vorstand), vieles teuer aber geschmacklos (goldene Wasserhähne), Lederhautbräune (alle), Geld, das nicht wirklich da ist (die Pacht für den Platz ist nicht bezahlt) und Ingo - einer der wieder auf die Beine will. Er riskiert viel und engagiert für das Golfevent des Jahres nicht Douglas Burnett (Dirk Benedict) alias John Striker, einen drittklassigen Hollywoodstar, sondern seinen alten Bekannten Dieter, der ein Leben auf diese Rolle gewartet hat: es allen endlich mal zu zeigen.
Der Rest der Geschichte ist Action und Unterhaltung und streckenweise etwas vorhersehbar – die Fernsehserie als Stilmittel. Was auf tragische Weise fesselnd bleibt, ist der fehlende intellektuelle Filter. Regisseur Peter Thorwarth zeigt keine schöngefilmte Melancholie, keine tiefgründige Verzweiflung. Man muss es aussitzen. Da ist das Sternchen aus der Vorabendserie, Alexandra Neldel, die das One-Hit-Wunder Melanie gibt, das nach ihrem glamourösen Auftritt im Playboy unsanft auf der ehemaligen Gartenbank ihrer geschiedenen Eltern landet. Ingo ist sie schon in der Schule aufgefallen und warum nicht mit ihr...? Was auch immer! Er wird irgendwann wieder mit dem Arsch an die Wand kommen und das zu denken zählt. Was soll auch groß noch kommen? You can run, but you can´t hide.

28 September, 2005

Dear Wendy

Ein Schuss geht nach hinten los


Dear Wendy (Dänemark/Deutschland/Frankreich/GB 2005)
R: Thomas Vinterberg
D: Jamie Bell, Bill Pullmann, Michael Angarano, Danso Gordon u.a.

Liebe Wendy,

es ist nicht zu bezweifeln, dass du eine zauberhafte kleine Handfeuerwaffe bist, gut in der Hand liegst und eigentlich ohne Mühe selbstständig dein Ziel triffst, nur ist dieses ein recht zweifelhaftes und es wäre besser gewesen, Herr von Trier hätte dich einfach in diesem verrammschten Lädchen, wo du rumlagst, verstauben lassen. Leider hat er dann doch einige feuchtfröhliche Jungsträume an dich verschwendet und eine seltsam metaphorisch aufgeladene Geschichte geschrieben, die jegliche politische Korrektheit über Bord schmeißt, dies aber auf so dümmliche Weise tut, dass man sich im Kinosessel vor Peinlichkeit windet. Man hofft und fiebert wirklich, dass diese Gruppe Looser – Bandenname „Dandies“ - die er in einem Bergwerk ihre pazifistische Mantel-und Degenromantik mit Hilfe deiner Wenigkeit und anderer deiner Waffenbrüder und Schwestern ausleben lässt, doch noch irgendwann zu sich selbst findet – als Charaktere, als vorantreibende Kräfte dieses Filmes. Statt dessen bleibt es gleichbleibend langweilig. Schon die schwarze Kinderfrau deines Geliebten Dick (Jamie Bell) ist eine schlechte Kopie aus „Vom Winde verweht“ und deshalb vermutlich provokativ rassistisch in Szene gesetzt? Dann die sexistischen Schwärmereien des einzig weiblichen Mitglieds eures erlauchten Clubs, die von echten Männern monologisiert, sobald sie den hübschen schwarzen Hintern von Sebastian (Danso Gordon) sieht? Der ist ein Mörder und toller Schütze und deshalb potent? Nicht zu sprechen von dem unausweichlichen Showdown, der vermutlich eine sarkastische Anspielung auf ein weltberühmtes Spektakel, passiert an einer amerikanischen Highschool, sein soll? Oder nicht? Kannst du uns aufklären? Deine Schöpfer, die immer davon sprechen, dass sie ihre Kräfte bündeln, und somit mathematische Präzision (Trier) mit dem emotionalen Interesse am alltäglichen Leben (Vinteberg) verbinden wollten, lassen sich keine Kritik an irgendeiner Gesellschaft, oder der amerikanischen Gesellschaft im besonderen, nachsagen. Beide sind sie glücklich mit Coca Cola und Baseball im Fernsehen groß geworden, ließ Vinterberg verlauten. Und eigentlich ist Schießen eben auch was Tolles, so viel Macht in einer Hand. Gut, das das auch endlich mal jemand auf großer Leinwand thematisiert, denn in den verdammten Filmschulen sind ja Waffen im Bild nie zugelassen. Und auch keine Hunde, erzählt man sich. Kommt jetzt bald ein dänischer Kampfhundefilm ins Kino? Arbeitet Vinterberg seine unverarbeiteten Barrieren auf? Hat ihm Lars von Trier eine Gehirnwäsche verpasst? Bitte Wendy, schreibe bald, wir sind verzweifelt!