11 Mai, 2003

Poem



Poem (2003)
R: Ralf Schmerberg

Ralf Schmerberg hat einen Fuß in die Luft gesetzt und sie trug ihn, denn sein Film „Poem“ ist ein berührendes, cineastisches Hörbuch für alle die Lyrik anders erleben wollen. Mitgenommen auf die Reise durch Gedichte von Hesse, Jandl, Tucholsky, Lasker-Schüler, Rilke und Mascha Kaléko, um nur einige zu nennen, versinkt man in Poesie, die Schmerberg wahlweise visuell begleitet oder kontrastiert. Leise fressen sich Flammen in Seide und Spitze von Hochzeitskleidern zu Heiner Müllers Versen, wird ein Kind geboren im „Sturm“ von Selma Meerbaum-Eisinger und Jürgen Vogel sitzt im Ballonseidenanzug inmitten seiner kreischenden Sippe. Seine Frau entflieht ihm und den Kindern in ihre eigene Welt – „eine einzige Stunde frei sein!“ Auf der Osterprozession der Büßer ist zwischen den dürren Beinen Jesu ein Stück Himmel zu sehen. Dann biedere Wohnzimmerwelten und das Bild vom Schäferhund über´m Bett – Erich Kästners „Kleines Solo“. Dokumentarische Episoden werden leichthändig mit inszenierten Szenen abgewechselt, die essayistische Anmutung läßt Platz für Gedankenspiele. Ungewöhnliche Orte und interessante Abstraktionen, unterstützt durch eine hochkarätige Riege von Darstellern und Sprechern – Hermann van Veen, Klaus-Maria Brandauer, Meret Becker, Paul Celan und Anna Thalbach u.v.a. ließen das mutige Vorhaben gelingen, Gedichte in ästhetisch wertvolle Bilder zu fassen ohne aufgesetzt zu wirken. Das sich am Ende Frauen- und Männerhorde zur „Ode an die Freude“ mit Farbbomben bewerfen, kann im Rückblick verziehen werden.