09 Juni, 2003

Lichter



Lichter (2003)
R: Hans Christian Schmid

Hans Christian Schmid empfing im „Hotel Brandenburger Hof“ in Berlin und hatte genau eine halbe Stunde. Zeit genug, um über Grenzerfahrungen beim Dreh seines neuen Films „Lichter“ zu reden.

"Wir können uns nicht auf eine Insel zurückziehen und auf hohem Niveau jammern!"

Als nach der ersten Vorführung im Berliner „International“ das Publikum sehr zustimmend reagierte, schienen Sie erleichtert zu sein.

Ja klar, denn das „International“ war für uns noch ein Bisschen mehr Testlauf als der „Berlinale Palast“, weil hier einfach mehr Leute zukucken, die in der Gegend leben. Und ich hatte schon das Gefühl, dass das Publikum bis zum Schluss konzentriert blieb und auch gespürt hat, was mit dem Film gewollt wurde. Natürlich ist „Lichter“ kein Film bei dem sich hinterher spontane Heiterkeit ausbreitet.

Es kam aber auch sofort die Frage, nach der Melancholie und Hoffnungslosigkeit des Filmes. Sie haben sich sehr dagegen gewehrt.

Ganz einfach, weil ich den Film nicht so empfinde. Alle Figuren, die ich zeige, sind echte Kämpfernaturen, die noch nicht aufgegeben haben. Wenn ich jemandem dabei zusehe, wie er versucht seine Situation zu verbessern, verbinde ich damit die Hoffnung, dass er etwas erreicht. Und selbst im Scheitern kann ich die Figuren mögen.

Sie haben im Grenzland gedreht. Hat sich diese besondere Stimmung auch auf das Team und die Arbeit übertragen?

Man kann sich in Frankfurt und Slubice nicht aufhalten, ohne zu spüren, an einer relativ streng bewachten EU-Außengrenze zu sein. Wenn man über die Oder fährt, fällt auf, dass es an diesem eigentlich wunderschönen Fluss kein Freizeitgeschehen gibt. Wenn man dann mit einem polnischen Kameramann und russischen Schauspielern an die Grenzkontrolle kommt und der polnische Pass länger kontrolliert wird als der deutsche und der russische noch mal länger als der polnische, dann merkt man, dass es da so etwas wie eine Klassengesellschaft gibt.

War dieses Gefühl auch der Auslöser diesen Film zu machen?

Es gab verschiedene Gründe. Erst einmal bin ich von München nach Berlin gezogen und habe von hier aus einen Ausflug an die Oder gemacht. Ich fand sofort, dass diese Grenzlandschaft durch ihre Gegensätze ein sehr filmischer Ort ist. Sie ist romantisch für ein Liebespaar, für jemanden aus der Ukraine, der kein Visum hat, ist sie eine unüberwindbare Grenze. Viele Deutsche fahren nach Polen, um dort billig zu tanken oder sich die Zähne machen zu lassen. Und an einem Freitagabend sind deutsche Bordellbesucher im Stadtbild von Slubice dominierend. Dieser seltsame Grenzverkehr hat mich fasziniert. Dazu kam, dass ich einen Artikel über eine Flüchtlingsgruppe in der Zeitung gefunden habe, die in Slubice abgesetzt worden war, obwohl sie eigentlich nach London wollte.

Der Film hat eine dokumentarische Anmutung. Haben Sie am Set noch improvisiert?

Als Drehbuchautor versuche ich natürlich, dass vieles schon sehr fest ist, weil ich im Vorfeld einfach die Zeit und die Ruhe habe, mir Gedanken zu machen. Mein Buch ist für mich wie ein Bauplan für ein Haus. Die letzte Drehbuchfassung entwickele ich allerdings mit den Schauspielern zusammen, da tauchen natürlich noch neue Ideen auf. Vor Ort versuche ich dann sehr stark, die Schauspieler dazu zu bewegen noch mal loszulassen, ermutige sie zu improvisieren. Das ging bei „Lichter“ besonders gut, weil wir eine sehr unaufwendige Handkamera gewählt haben, die sich komplett an dem Geschehen orientiert. Der Schauspieler muss sich nicht an ein Klebeband auf dem Boden halten. Man arbeitet auch mit Licht, dass jede Bewegung möglich macht, so dass auch ein Schlagschatten nicht so schlimm aussieht. Dadurch hat man natürlich eine große Freiheit.

Sie müssen aber auch einen großen Vertrauensvorschuss in die Arbeit des Kameramannes setzen.

Der hatte wirklich eine ganz schöne Bürde zu tragen. Nicht nur diese schwere Kamera auf der Schulter sondern auch eine große Verantwortung, dass er sich im richtigen Moment für den richtigen Blickwinkel entscheidet.

Ihre Konzentration lag also voll und ganz bei den Schauspielern?

Ich konzentriere mich am Set ausschließlich auf die Schauspieler, weil ich eben finde, dass für den Bildausschnitt der Kameramann zuständig ist. Ich denke, es ist ein Anfängerfehler, den zumindest ich bei meinen ersten beiden Filmen gemacht habe, dass ich aus Angst vor dem Umgang mit den Schauspielern, mich fast hinter dem Kameramann versteckt habe und ständig mit dem Bild und dem Ausleuchten beschäftigt war. Heute glaube ich, dass meine Aufgabe darin besteht, alles für die Schauspieler zu tun, damit die sich gut aufgehoben fühlen, weil sie eben oft ihr Innerstes nach außen kehren müssen.

Nun gab es ja das Problem der Sprachbarriere. Hatten Sie einen Dolmetscher am Set?

Nein, es ging alles mit unserem zum Teil ziemlich schlechten Englisch und mit Händen und Füßen. Teilweise war das sehr lustig und konfus. Klar habe ich nicht immer genau verstanden, was gesprochen wurde, wenn zwei Schauspieler eine Szene auf Polnisch improvisiert haben, aber man spürt schon, was da gerade passiert, ob die Emotionen stimmen oder nicht.

Für mich persönlich ist Ihr Film auch eine Geschichte über Heimat und die Frage wohin man eigentlich gehört. Sie lassen Ihre Helden bis auf Kolja nicht „ankommen“, sie kehren zurück an ihren Ausgangsort, aber man hat trotzdem das Gefühl, dass das gut so ist.

Heimat als Thema war mir eigentlich nicht so bewusst. Mich hat eher interessiert, was passiert, wenn ein reicher Staat eine Grenze hochzieht mit dem benachbarten armen Staat. Wie verhalten sich Menschen unter problematischen ökonomischen Verhältnissen, wie fängt der eine an den anderen auszunehmen, wird aber dann selber ausgenommen? Heimat spielt da natürlich mit rein. Ich bin mir auch nicht sicher, ob Kolja am „Potsdamer Platz“ in Berlin wirklich findet, was er sich erhofft. Sein Schicksal ist höchst ungewiss. Für mein Gefühl ist es so, dass die meisten von all diesen Flüchtlingen sehr viel auf sich nehmen mit ihrer Entscheidung zur Flucht. Ich denke, die würden viel lieber in ihrer Heimat bleiben, wenn man ihnen die Möglichkeit geben würde, dort etwas aufzubauen. Wenn ich in einem Land aufwachse und merke, für mein Kind wird es hier nie eine richtige Perspektive geben, dann kann ich jeden verstehen, der das ändern möchte.

Es war Ihnen also wichtig mit diesem Film ein politisches Statement abzugeben?

Auf alle Fälle. Ich wollte eine Entwicklung zeigen, die ich als problematisch oder falsch empfinde. Ich glaube nicht, dass es moralisch vertretbar ist, dass wir uns auf eine Insel der Wohlhabenden zurückzuziehen. Uns geht es doch allen ziemlich gut. Trotzdem wird auf verhältnismäßig hohem Niveau gejammert.
Auf der anderen Seite, hatte ich auch das Gefühl, dass gerade Slubice als Stadt boomt und dort auch etwas passiert, während auf der anderen Seite der Oder in Frankfurt jährlich 200 000 abwandern und die Stadt mehr und mehr zur Geisterstadt wird.

Denken Sie, sie hätten den Film auch gemacht, wenn sie in München geblieben wären?

Ich glaube schon. Aber von München aus bin ich immer ins Gebirge, nach Italien oder in die Schweiz gefahren. Jetzt fahre ich an die Ostsee oder nach Polen. Im August ist die Hochzeit von unserem Kameramann in Krakow, da freue ich mich schon sehr drauf.

Ja dann viel Spaß dort!