18 September, 2003

Fred Gehler

Was aber bleibt?


Das „46. Internationale Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm“, (14. bis 19. Oktober), ist das Abschiedsgeschenk von Festivaldirektor Fred Gehler an seine Stadt. Die Debatte um Gehlers Nachfolge wirft jedoch einen melancholischen Schatten auf seinen Blick zurück. Ein Gespräch über Endzeitstimmung, Jean Perret und schwere Geburten.

Wie sieht es aus in diesem Jahr? Gibt es Trends und Tendenzen?

Nie hatten wir so viele Filme, die sich mit Themen wie Gewalt, der Problematik des Sterbens und Verzerrungen der menschlichen Existenz auseinandersetzen. Eine sehr düstere, apokalyptische Weltsicht, die einem da entgegenkommt.

Apropos Endzeitstimmung: was bedeutet eine neue Leitung für das Festival?

In jedem Fall heißt ein Wechsel, das jemand mit neuen Sichtweisen, einem neuen Stil und auch neuen Vorstellungen kommt, was die Programmakzentuierung betrifft. Und das ist auch gut so. Nur gibt es schon einige Grundlinien des Festivals, die man aus Gründen des Schutzes für das eigene Profil beibehalten sollte.

Nun gibt es seitens des Kulturamtes einen klaren Favoriten für ihre Nachfolge: Jean Perret, der Leiter des Festivals „Visions du Reél“ in Nyon.

Es gab im Mai eine kleine Findungskommission, die mit unserer Empfehlung zustande gekommen war und der sich alle Bewerber vorgestellt haben. Das Ergebnis dieser Kommission, sah vom Votum her nicht so aus, dass Dr. Giradet sich nur noch mit einem Kandidaten hätte abgeben müssen. Er hätte mindestens mit zwei der vorstellig Gewordenen intensiver sprechen sollen. Das hat er nicht gemacht.

Wo liegt das Problem?

Die Findungskommission hatte alle Bewerber mit Nachdruck gefragt, ob sie bereit seien, ihren Wohnsitz nach Leipzig zu verlagern. Alle – auch Jean Perret – sahen dies als eine Selbstverständlichkeit an. Dann hatte Perret doch eine Bedenkzeit bis Ende August mit Giradet ausgehandelt, was ich unsäglich fand, weil seine Entscheidung in die intensive Arbeitsphase des Festivals hineinrückte. Ende August bekam ich dann die überraschende Botschaft, dass es nichts wird, mit Familie Perret hier in Leipzig.

Perret möchte trotzdem das Leipziger Festival übernehmen.

Ja, er hat in einem längeren Telefongespräch mit Giradet sogar den Eindruck vermittelt, dass er beide Festivals – Nyon und Leipzig - leiten möchte. Dies sei für ihn kein Problem, er traue sich das zu. Ich halte dies für Selbstüberschätzung, dass hat nichts mit Perret persönlich zu tun. Natürlich weiß er, wie man ein Festival leitet, ich zweifle nur entschieden daran, dass er zwei Festivals dieses Umfangs leiten kann.

Sehen Sie gerade Ihre Arbeit den Bach runtergehen?

Nein, aber meine Bedenken haben zumindest dazu geführt, dass Herr Perret noch einmal eingeladen wurde und seine Vorstellungen zur Diskussion stehen, mit welchem Ausgang auch immer. Ich kann nur sagen, dass ich es für falsch halte, dass man unter diesen Voraussetzungen so eine Lösung, die im Übrigen international völlig unüblich ist, anstrebt. Es ist in meinen Augen höchst riskant, den Festivalleiter außerhalb der Landesgrenzen zu haben. Er gehört hier vor Ort. Für mich ist das eine absurde Diskussion, einen irgendwie gearteten Prominenten zu finden und einen Weg parallel zu beschreiten, nur weil man da an anderer Stelle - Oper und Zeitgenössische Galerie - gute Erfahrungen gemacht hat. Ein Festival ist etwas anderes. Man kann bekanntlich nicht ein Bisschen schwanger sein und ein Festival ist wie ein Kind, dem man jedes Jahr wieder auf die Welt verhilft.

Stehen Sie, wenn sich keine Lösung findet, noch für ein weiteres Jahr zu Verfügung?

Nur, wenn es keine Schummellösung ist.

Perret steht drauf und Gehler ist drin?

Ich habe immer gesagt, Jean, entweder du sagst 2004 oder 2005. Aber sag es bald!