14 September, 2003

Wolfsburg

Fahrerflucht


Wolfsburg (2003)
R: Christian Petzold

„Es ist wie im Kreissaal hier. Die Leute warten auf ihr Auto und unterhalten sich: wie groß ist er denn, wieviel Gramm hat er denn?“ Deshalb wollte Christian Petzold seinen Film in Wolfsburg drehen, der wohl „bundesdeutschesten Stadt Deutschlands“.
Phillip Wagner (Benno Fürmann) zögert eine Sekunde, ein Blick in den Rückspiegel dann gibt er Gas. Fährt weiter in seine Wohnung zu Katja (Antje Westermann), der Freundin. Beide sehr vorzeigbar, modern, gediegen. Die Wohnung ein Bungalow, der mit seiner Leere, die innere Einsamkeit seiner Bewohner spiegelt. Und es gibt diese Abhängigkeiten: Phillips Boss ist Katjas Bruder, es ist Geld im Spiel, ein Stück vom Autohaus vielleicht, wenn Phillip nur weiter als perfekter Lebenspartner funktioniert. Das schlechte Gewissen treibt Phillip dann doch ins Krankenhaus. Dort trifft er Laura Reiser (Nina Hoss), die Mutter des kleinen Jungen, den er einfach am Straßenrand liegenließ. Seine Schuldgefühle lassen ihn nicht mehr von ihrer Seite weichen und die Leben der beiden beginnen sich miteinander zu verweben, bis sich schlussendlich der Kreis schließt.
Petzold erzählt seine Geschichte über Schuld und Feigheit gewohnt durchkomponiert. Die kühlen, teilweise fast statisch wirkenden Bildern lassen viel Platz für eigene Interpretationen im Kopf. Wieder hat Harun Farocki dem Regisseur als Mentor beigestanden und er ist auch seinem Konzept treu geblieben, den „akustischen Raum seiner Drehorte Ernst zu nehmen“ und keine Musik oder Soundeffekte einzusetzen, die nicht vor Ort existent waren. Damit bleibt er nicht nur sehr nah an den dramatischen Spannungen seiner Handlung, sondern fängt auch ein echtes Stück deutsche Mittelklasse ein. Bei der Besetzung der weiblichen Hauptrolle bewies er mit der Auswahl von Nina Hoss sein gutes Gespür für weibliche Charaktere. Benno Fürmann wirkt hingegen blass und mit seinem Gegenüber gänzlich überfordert. Trotzdem ist „Wolfsburg“ ein starker Film mit einprägsamen Bildern, der in einigen Szenen die ganze „Bundesrepublikanigkeit“ unseres Landes auf den Punkt bringt.