02 November, 2003

Ich habe keine Angst



Ich habe keine Angst (2003)
R: Gabriele Salvatores

Den Kindern geht das Weizenfeld fast bis zur Nasenspitze, es ist ihr Dschungel, den sie wie kleine Tiere bewohnen. Getreide steht aber auch für Apulien, den südlichsten Zipfel Italiens, für dessen sonnengegerbte Bewohner, für Brot und Nahrung. An diesem Ende der Welt hat Gabriele Salvatores seine Geschichte ausgesät und reich geerntet, denn sein Hauptdarsteller Michele (Giuseppe Christiano) führt den Zuschauer mit einer Souveränität durch italienische Landschaften, wie sie nur Kinder haben.
Die sind auch die eigentlichen Erzähler, sie nehmen uns mit auf ihre Mutproben mitten im Nirgendwo der prallen Ährenreihen, entdecken geheime Orte und weihen uns ein, in die Riten kindlicher Hierarchien, die manchmal grausam sein können. Eines Tages findet Michele eine Höhle, abgedeckt durch eine schwere Eisenplatte. Als er sie zur Seite schiebt, kann er eine zusammengekauerte Gestalt erkennen, die angekettet am Boden liegt. Der Neunjährige hat ein dunkles Geheimnis gelüftet, das schon lange über dem Dorf zu hängen schien. Wenn nun nachts die Erwachsenen in verrauchten Kammern sich leise besprechen, lauscht der Junge mit und findet heraus, dass auch sein Vater weiß, was es mit der Höhle auf sich hat. Michele ahnt, dass er sich entscheiden muss, zwischen Familienehre und seinem eigenen Gerechtigkeitsempfinden.
Salvatores stellt bewusst die Kinder als Taggestalten in Kontrast zu den erwachsenen Nachtmenschen, spielt mit bildlichen Metaphern des Guten und Bösen. Im Rahmen der fast baumlosen apulinischen Weite, die einen malerischen Schauplatz für seine Variante eines Kasper-Hauserischen Höhlengleichnis bietet, inszeniert er einen spannenden Thriller aus Kindersicht, wobei die dampfende Atmosphäre der Sommerhitze sich spürbar wie ein Urteil über die Dorfbewohner zusammenbraut. Das Drehbuch zum Film entstand übrigens nach einem Roman von Niccolò Ammaniti, der zu den italienischen Vertretern der neuen „Pulp“-Literatur gerechnet wird.