03 März, 2003

Deutscher Kurzfilmpreis 2002

Kurze Filme für Unterwegs

„Deutscher Kurzfilmpreis 2002“ tourt durch die Bundesrepublik

Jedes Jahr vergeben die Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien Preise, die mit Geld verbunden sind, an junge Talente in der Filmbranche. Neun Filme bis zu einer Länge von max. 30 Minuten wurden nominiert. Im Bereich Spielfilm waren das „Entinen Mies“ (Regie: Lale Nalpantoglu), „Fetisch“ (Regie: Richard Lehun), „Freunde“ (Regie: Jan H. Krüger) und „Die Katze von Altona“ (Regie: Wolfgang Dinslage). Bei den Animationsfilmen wurden ausgesucht, „Escape“ (Regie: Kirsten Winter) sowie „Sofa“ (Regie: Hyekung Jung). Und bei den Dokumentarfilmen fand die Jury „Old Choi´s Film“ (Regie: Bin Chuen Choi) und „Jenseits der Ferne“ (Regie: Johannes Kaltenhauser und Florian Vogel) für nominierungswürdig.
Den Preis in Gold erhielten „Fetisch“, „Fremdkörper“, „Escape“ und „Old Choi´s Film“.

Lale Nalpantoglu
über „Entinen Mies“


Der Titel meines Films ist Finnisch und bedeutet übersetzt „Früherer Mann“. Das ist auch der Name des Musikstücks der finnischen Band „Aavikko“ das ich als Grundlage für meine Geschichte benutze. Ich arbeite oft so, dass zuerst die Melodie des Films da ist und dann die Bilder folgen. In diesem Fall wollte ich gerne eine Tanztee-Situation umsetzen und es hat mich interessiert mit alten Menschen zu arbeiten. Ich hatte es mir nur leichter vorgestellt, Darsteller zu finden, aber man glaubt gar nicht, wie beschäftigt Senioren sind. Zwei Monate war ich ständig auf Tanztees, aber immer wenn ich gerade anfangen wollte, den Leuten von meiner Idee zu erzählen, kam ein tolles Stück und alle rannten auf die Tanzfläche. Ich habe natürlich auch tanzen müssen. Bei den eigentlichen Dreharbeiten hatten wir dann alle viel Spaß; das sieht man, glaube ich ,auch.

Katja Pratschke
über „Fremdkörper“


Im Vorfeld zu diesem Film habe ich mich sehr viel mit den Thematiken Transplantation und künstliches Leben auseinandergesetzt. Mich hat der wissenschaftliche Aspekt interessiert und ich habe später eine narrative Form gesucht, all die Interviews mit Neurochirurgen und Psychologen umzusetzen, denn ich wollte keinen Essayfilm daraus machen. Nun ist es ein Fotofilm über die Liebe geworden, basierend auf der Erzählung „Die vertauschten Köpfe“ von Thomas Mann. Ich wollte zeigen, dass Liebe kein stabiler Zustand ist, dass selbst wenn sie in einem Moment ideal erscheint, Veränderungen unvermeidbar sind. Die Idee einen Film aus lauter einzelnen Fotografien zu gestalten hat mich schon lange beschäftigt. Ich bewundere „Auf dem Rollfeld“ von Chris Marker, ein Film, der in den 70er Jahren entstanden ist. Ich denke, durch diese Umsetzung bleibt dem Zuschauer Zeit, die einzelnen Szenen besser zu erfassen. Die Zusammenarbeit mit Gustav, meinem Fotografen war ideal, ich habe kein einziges Mal durch den Auslöser geschaut. Vielleicht liegt es daran, dass wir im richtigen Leben ein Liebespaar sind und auch ein Kind zusammen haben.

Johannes Kaltenhauser
über „Jenseits der Ferne“


Sicherlich war es einfacher für mich als Bayer Zugang zu August Frommer zu bekommen, denn man spricht eben doch die gleiche Sprache. Außerdem habe ich lange Zeit in Wasserburg gelebt und kannte den Mann mit dem Fahrrad, von dem niemand richtig wußte, was er eigentlich treibt, schon lange vom Sehen. Trotzdem war es immer noch schwierig ihn davon zu überzeugen bei unserem Film mitzumachen. Über ein Jahr hat es gedauert bis er eingewilligt hatte und am Ende haben wir fünf Jahre gebraucht, die Dreharbeiten abzuschließen. Mal hatte August keine Zeit, mal keine Lust. Schließlich mußte er an seiner Erfindung weiterarbeiten. Als wir ihm schließlich den fertigen Film gezeigt haben, war er, glaube ich, schon sehr angetan. Die Vorstellung, dass diese Dokumentation über sein Schaffen ihn überleben wird, hat ihm doch gefallen. Und eine kleine Sensation gab es dann noch im Wasserburger Kino: Unser Film lief zwei Wochen lang, drei Mal täglich vor ausverkauftem Haus.

À ma soeur!



À ma soeur! (2001)
R: Catherine Breillat

Wäre dies kein Film von Catherine Breillat, könnte man von anfänglicher Idylle sprechen: ein Ferienhäuschen mit Pool; Eltern, die mehr oder weniger nicht vorhanden sind und eine ungewisse Sehnsucht nach Liebe – das ist der Sommer für die Schwestern Anais und Elena. Nur ist die eine ein Zwischending aus Babykörper mit Speckwulsten und kleiner Frau mit knospenden Brüsten und die andere eine wunderschöne Lolita im Elfenkörper. Genauso unterschiedlich die beiden äußerlich sind, so ambivalent ist ihr Verhältnis zueinander – ein Gemisch aus Abscheu, Neid und Zusammengehörigkeit.
Als die schöne Elena den italienischen Jurastudenten Fernando kennenlernt, weist alles auf eine leichte Sommerromanze hin und Anais bezieht ihren verhassten Beobachtungsposten. So verlieren beide gemeinsam ihre Unschuld, werden ertappt und die Handlung treibt langsam auf die finale Katastrophe zu. Catherine Breillat hat nach „Romance“ einen vielschichtigen Film inszeniert, der wiederum mit sexuellen Tabus bricht, doch leiser und behutsamer, als in ihrem Vorgängerwerk. Sie entzaubert die Romantik der ersten Liebe und kontrastiert ästhetische Bilder mit Dialogen, die in ihrer Unverstelltheit grausam sind.
Dieser Film ist für alle Schwestern gemacht, die sich ihre zarte Zuneigung zueinander mit Hassliebe erkaufen mussten.