22 September, 2003

Technik des Glücks

Brenne lieber Ofen


Technik des Glücks
R: Chris Wright/Stefan Kolbe

Es roch nach ihr zwischen den Häusergräben, früher. Und wenn man das Fenster öffnete, lag da eine schwarze dünne Schicht Kohlenstaub. Jede Woche wieder eine neue. Da standen sie noch, die sechzehn Schornsteine in Zschornewitz, vom VEB Kraftwerk Elbe. Ein Grund sentimental zu werden?
Der Großvater des Regisseurs, Chris Wright, hätte sie eigentlich sprengen sollen, als 1940 britische Fliegerstaffeln Bomben über dem Dorf abwarfen. Nicht nur Wright fragt sich, wie er dieses Riesen-Kraftwerk aus der Luft übersehen konnte. Aber nun ist er hier, 61 Jahre später, um seinem Opa zu berichten, was aus dem Ort geworden ist, den er eigentlich auf dem Gewissen gehabt hätte und von dem Leben, das seine Blindheit ermöglicht hat.
Die Sprengung der Anlage haben inzwischen andere übernommen. Nach der Wende 89´ war das Werk nicht mehr effektiv genug. Übrig geblieben sind die Erinnerungen der Kraftwerker, teilweise auf Super 8 und Video gebannt. Die Filmemacher haben festgehalten, was ihnen wichtig war: Volksfeste, FKK-Urlaub an der Ostsee, die ersten Schritte ihrer Kinder, die Einrichtung ihrer Wohnungen, der Inhalt des Küchenregals und immer wieder die Sprengungen der Schornsteine ihres Kraftwerkes.
Kistenweise haben sie ihr Material Stefan Kolbe und Chris Wright zur Verfügung gestellt und die haben ausgesucht und liebevoll zusammengeschnitten, was der Werktätige so alles trieb in seiner Freizeit. Da gibt es Kleinode des „Zirkels schreibender Arbeiter“ und selten gesungene Volksweisen zu hören: „Brenne lieber Ofen“, trockene Dia-Vorträge über die Effektivität sozialistischer Arbeitsprozesse und immer wieder die Kommentare von Hans-Joachim Werner dem wohl beharrlichsten Hobbyfilmer.
Werner filmt seit mindestens 40 Jahren und kann sogar auf ein Interview mit Täve Schuhr verweisen. Für ihn brachte die Stillegung des Kraftwerkes endlich die nötige Zeit eine Frau zu finden. Und nun muss sie vor die Kamera, sich Geburtstagsständchen anhören und Weisheiten zum neuen Jahr: „Auf das unsere Liebe weiter so stark bleibt – hast du noch etwas hinzuzufügen?“ Hat sie nicht, aber Herr Werner ist pünktlich zurück auf Sendung wenn die Korken knallen. Das ist rührend und zum Lachen zugleich, bietet es doch ganz intime Einblicke in ostdeutsche Alltäglichkeiten.
Doch das Leben der Zschornewitzer wird nie dem Spott preisgegeben. Fällt der Blick auch auf Wäscheleinen voller weißer Tennissocken, durch Plastikblumensträuße auf Schränkwände mit Spitzendeckchen, dann ist dieser nie herablassend, sondern spricht immer von ehrlicher Sympathie der Filmemacher für die Menschen aus dem Kraftwerk :
„Und auf Erden Frieden Menschen guten Willens.“

18 September, 2003

Fred Gehler

Was aber bleibt?


Das „46. Internationale Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm“, (14. bis 19. Oktober), ist das Abschiedsgeschenk von Festivaldirektor Fred Gehler an seine Stadt. Die Debatte um Gehlers Nachfolge wirft jedoch einen melancholischen Schatten auf seinen Blick zurück. Ein Gespräch über Endzeitstimmung, Jean Perret und schwere Geburten.

Wie sieht es aus in diesem Jahr? Gibt es Trends und Tendenzen?

Nie hatten wir so viele Filme, die sich mit Themen wie Gewalt, der Problematik des Sterbens und Verzerrungen der menschlichen Existenz auseinandersetzen. Eine sehr düstere, apokalyptische Weltsicht, die einem da entgegenkommt.

Apropos Endzeitstimmung: was bedeutet eine neue Leitung für das Festival?

In jedem Fall heißt ein Wechsel, das jemand mit neuen Sichtweisen, einem neuen Stil und auch neuen Vorstellungen kommt, was die Programmakzentuierung betrifft. Und das ist auch gut so. Nur gibt es schon einige Grundlinien des Festivals, die man aus Gründen des Schutzes für das eigene Profil beibehalten sollte.

Nun gibt es seitens des Kulturamtes einen klaren Favoriten für ihre Nachfolge: Jean Perret, der Leiter des Festivals „Visions du Reél“ in Nyon.

Es gab im Mai eine kleine Findungskommission, die mit unserer Empfehlung zustande gekommen war und der sich alle Bewerber vorgestellt haben. Das Ergebnis dieser Kommission, sah vom Votum her nicht so aus, dass Dr. Giradet sich nur noch mit einem Kandidaten hätte abgeben müssen. Er hätte mindestens mit zwei der vorstellig Gewordenen intensiver sprechen sollen. Das hat er nicht gemacht.

Wo liegt das Problem?

Die Findungskommission hatte alle Bewerber mit Nachdruck gefragt, ob sie bereit seien, ihren Wohnsitz nach Leipzig zu verlagern. Alle – auch Jean Perret – sahen dies als eine Selbstverständlichkeit an. Dann hatte Perret doch eine Bedenkzeit bis Ende August mit Giradet ausgehandelt, was ich unsäglich fand, weil seine Entscheidung in die intensive Arbeitsphase des Festivals hineinrückte. Ende August bekam ich dann die überraschende Botschaft, dass es nichts wird, mit Familie Perret hier in Leipzig.

Perret möchte trotzdem das Leipziger Festival übernehmen.

Ja, er hat in einem längeren Telefongespräch mit Giradet sogar den Eindruck vermittelt, dass er beide Festivals – Nyon und Leipzig - leiten möchte. Dies sei für ihn kein Problem, er traue sich das zu. Ich halte dies für Selbstüberschätzung, dass hat nichts mit Perret persönlich zu tun. Natürlich weiß er, wie man ein Festival leitet, ich zweifle nur entschieden daran, dass er zwei Festivals dieses Umfangs leiten kann.

Sehen Sie gerade Ihre Arbeit den Bach runtergehen?

Nein, aber meine Bedenken haben zumindest dazu geführt, dass Herr Perret noch einmal eingeladen wurde und seine Vorstellungen zur Diskussion stehen, mit welchem Ausgang auch immer. Ich kann nur sagen, dass ich es für falsch halte, dass man unter diesen Voraussetzungen so eine Lösung, die im Übrigen international völlig unüblich ist, anstrebt. Es ist in meinen Augen höchst riskant, den Festivalleiter außerhalb der Landesgrenzen zu haben. Er gehört hier vor Ort. Für mich ist das eine absurde Diskussion, einen irgendwie gearteten Prominenten zu finden und einen Weg parallel zu beschreiten, nur weil man da an anderer Stelle - Oper und Zeitgenössische Galerie - gute Erfahrungen gemacht hat. Ein Festival ist etwas anderes. Man kann bekanntlich nicht ein Bisschen schwanger sein und ein Festival ist wie ein Kind, dem man jedes Jahr wieder auf die Welt verhilft.

Stehen Sie, wenn sich keine Lösung findet, noch für ein weiteres Jahr zu Verfügung?

Nur, wenn es keine Schummellösung ist.

Perret steht drauf und Gehler ist drin?

Ich habe immer gesagt, Jean, entweder du sagst 2004 oder 2005. Aber sag es bald!

14 September, 2003

Wolfsburg

Fahrerflucht


Wolfsburg (2003)
R: Christian Petzold

„Es ist wie im Kreissaal hier. Die Leute warten auf ihr Auto und unterhalten sich: wie groß ist er denn, wieviel Gramm hat er denn?“ Deshalb wollte Christian Petzold seinen Film in Wolfsburg drehen, der wohl „bundesdeutschesten Stadt Deutschlands“.
Phillip Wagner (Benno Fürmann) zögert eine Sekunde, ein Blick in den Rückspiegel dann gibt er Gas. Fährt weiter in seine Wohnung zu Katja (Antje Westermann), der Freundin. Beide sehr vorzeigbar, modern, gediegen. Die Wohnung ein Bungalow, der mit seiner Leere, die innere Einsamkeit seiner Bewohner spiegelt. Und es gibt diese Abhängigkeiten: Phillips Boss ist Katjas Bruder, es ist Geld im Spiel, ein Stück vom Autohaus vielleicht, wenn Phillip nur weiter als perfekter Lebenspartner funktioniert. Das schlechte Gewissen treibt Phillip dann doch ins Krankenhaus. Dort trifft er Laura Reiser (Nina Hoss), die Mutter des kleinen Jungen, den er einfach am Straßenrand liegenließ. Seine Schuldgefühle lassen ihn nicht mehr von ihrer Seite weichen und die Leben der beiden beginnen sich miteinander zu verweben, bis sich schlussendlich der Kreis schließt.
Petzold erzählt seine Geschichte über Schuld und Feigheit gewohnt durchkomponiert. Die kühlen, teilweise fast statisch wirkenden Bildern lassen viel Platz für eigene Interpretationen im Kopf. Wieder hat Harun Farocki dem Regisseur als Mentor beigestanden und er ist auch seinem Konzept treu geblieben, den „akustischen Raum seiner Drehorte Ernst zu nehmen“ und keine Musik oder Soundeffekte einzusetzen, die nicht vor Ort existent waren. Damit bleibt er nicht nur sehr nah an den dramatischen Spannungen seiner Handlung, sondern fängt auch ein echtes Stück deutsche Mittelklasse ein. Bei der Besetzung der weiblichen Hauptrolle bewies er mit der Auswahl von Nina Hoss sein gutes Gespür für weibliche Charaktere. Benno Fürmann wirkt hingegen blass und mit seinem Gegenüber gänzlich überfordert. Trotzdem ist „Wolfsburg“ ein starker Film mit einprägsamen Bildern, der in einigen Szenen die ganze „Bundesrepublikanigkeit“ unseres Landes auf den Punkt bringt.