09 Oktober, 2003

L'Auberge Espagnol



L'Auberge espagnole (2002)
R: Cédric Klapisch

Liebe Erstsemester, bitte geht in diesen Film! Hier lernt ihr für´s Leben, vor allem jedoch Wissenswertes über das Austauschprogramm mit dem altehrwürdigen Namen Erasmus. Xavier studiert Wirtschaft und weil sein Vater einen alten Schulfreund in einem jener Glaspaläste sitzen hat, die einen Job für mindestens die halbe Lebenszeit versprechen, trifft man sich auf ein gepflegtes Lunch. Beim Nachtisch ist klar, Xavier muss Spanisch lernen, denn Europa wächst bekanntlich zusammen. Dann winkt auch der Job im Glashaus.
Hier beginnt die Reise des sympathisch naiven Franzosen durch die bürokratischen Wirren einer Auslandsstudienbewerbung und man kann kaum glauben, dass er tatsächlich irgendwann am Flughafen steht, mit Ziel Barcelona. Seine rehäugige Freundin Martine (Audrey Tatou) nebst Hippie-Mutter winken. Doch wie das nun mal so ist, mit neuer Umgebung weitet sich das Blickfeld und man lässt Zurückgelassenes irgendwann zurück. Wohnungssuche, die Schönheiten der neuen Stadt, die Bars, das Leben – dies alles verlangt den ganzen Erasmusstudenten. Xavier durchläuft die nervenaufreibende Tretmühle der Zimmersuche und landet schließlich beim Bewerbungsgespräch am Tisch einer Multikulti-WG. Versammelt sind ein Däne, eine Spanierin, ein Italiener, eine Britin und ein Deutscher, der natürlich sofort das Verhör beginnt. Trotzdem darf der Franzose am Ende einziehen und es beginnt ein turbulentes Jahr, in dem Xavier, entgültig aus dem vielzitierten Nest gestoßen wird.
Cédric Klapischs Film ist eine Party mit Ankunft in der Realität, die ihr nicht versäumen solltet. Alle Liebhaber von „Und jeder sucht sein Kätzchen“ könnten allerdings etwas enttäuscht sein, ob des Fehlens jenes „gewissen“ Hauches Poesie, den der Regisseur seinem Vorgängerwerk zu geben vermochte. Dieser wird jedoch wettgemacht mit witzigen Dialogen vor WG-Kühlschränken, einem unbedarften Umgang mit sämtlichen Studentenklischees und Nationalitäten-Stereotypen und einer Welle von Nostalgie, die all jene überrollen sollte, die ihr Austauschjahr schon hinter sich haben. Irgendwie sind wir eben alle ein Bisschen Erasmus.

08 Oktober, 2003

Lola



Lola (2001)
R: Carl Bessai

Eine indifferente Realität, die keiner Festlegung, keiner Verantwortung bedarf, ist Lolas Welt. Ebensowenig wie sie weiß, welchen Typ Auto sie fährt, warum sie eigentlich eine Therapie anfangen will und aus welchem Grund sie nicht mehr mit Mike, ihrem Mann, schläft, ebenso sorglos geht sie mit ihrem Talent um. Ab und an schneidert sie eine neue Kollektion T-Shirts zusammen, ohne so recht daran zu glauben und Mike hält ihr in immer wiederkehrenden Streits schulmeisterisch diese Unfähigkeit einer Entscheidung für Irgend etwas vor. Lolas Leben verläuft im Leerlauf. Als sie an einem ihrer mit nichts Richtigem verbrachten Tage, der extrovertierten Sandra das Leben rettet, tritt Sinn in ihre Existenz. Allerdings nicht im Sinne Mikes, sondern Sandra zeigt ihr, dass nichts wirklich zählt außer dem Heute. Sie reißt Lola aus ihrer behüteten Welt hinein in eine Reise durch die Nacht, die hart ist im Gegensatz zu Lolas flüchtigem Gleiten durch den Tag. Als Sandra von ihrer Vergangenheit eingeholt wird und dabei ihr Leben verliert, nimmt Lola ihre Identität an und findet dadurch ein Fundament für ihr künftiges Sein. Für die überraschenden Wendungen seiner Geschichte findet der kanadische Regisseur Carl Bessai immer neue bildliche Metaphern, montiert beispielsweise die raue Landschaft Kanadas parallel zu Lolas Abgründen, stellt stilisierte Bilder neben dokumentarische Straßenszenen und bleibt dabei immer ganz dicht an seiner Protagonistin, lässt uns die Geschichte mit ihren Augen sehen. Damit gelingt ihm ein originelles Porträt, einer gewöhnlich verrückten Großstädterin um die Dreißig, die bei näherem Hinsehen das Typische einer ganzen Generation offenbart.

Werner



Werner - Gekotzt Wird Spater (2003)
R: Hayo Freitag, Michael Schaack

Es ist schon zum Kotzen, da müsste man sich tatsächlich hinsetzen und ein richtiges Drehbuch schreiben, mit Handlung und so. Die Macher dieses Streifens haben jene Phase leichthalsig übersprungen und statt dessen Bölkstoff zugeführt und auf Werners alt bewährte Belustigungsutensilien gesetzt: Möpse, Schwänze, Kotze und viel viel Scheiße. Ansonsten sind Werner, Andi und Eckat wieder volles Rohr unterwegs und zwar nach Korsika in einem selbst umgebauten Monster von amerikanischem Straßenkreuzer. Unterwegs wird ständig um die Vorherrschaft geknobelt, denn jeder darf mal König sein und bestimmen wo es lang geht. Eckat will eigentlich immer nach Hause zu Meister Röhrich, den die drei im Stich gelassen haben und der tatsächlich mit der Sanierung von Frau Glörs Friesenhaus völlig überfordert ist. Doch Werner und Andi kippen dem Jammerer einfach tüchtig eins hinter die Binde und dann will auch Eckat wieder nicht mehr arbeiten. Schließlich muss „Könich“ Werner unbedingt ans Meer und „Flachköpper“ machen. Dann gibt es da noch Helmut und Bruno, die als Metapher für die Unfähigkeit der Bullerei herhalten müssen, schaffen sie es doch nicht dem rasenden Wahnsinn ein Ende zu bereiten. Für eingefleischte Werner-Fans ist diese Version eines Roadmovies bestimmt wieder mal eine prima Gelegenheit für einen zotigen Herrenabend. Ansonsten wüsste man wohl niemanden, der sich diese platte Anstiftung zur Arbeitsbummelei mit all seinen Unappetitlichkeiten antun möchte: Hau wech die Scheiße!

Amores Possíveis

Liebe könnte schön sein


Amores Possíveis (2001)
R: Sandra Werneck

Angekündigt als sexy leichte Sommerkomödie entpuppt sich der brasilianische Film, der immerhin auf dem Sundance-Festival 2001, als bester lateinamerikanischer Film ausgezeichnet wurde, als seichte Liebesschmonzette in drei Variationen:
Carlos, ein reicher Anwalt langweilt sich mit seiner Angetrauten, als seine Jugendliebe Julia nach fünfzehn Jahren wieder in sein Leben tritt. Oder: Carlos hat seine Frau Julia und den gemeinsamen Sohn verlassen und lebt mit seiner neuen Liebe Pedro zusammen, entdeckt nun aber wieder Gefühle für Julia. Variante drei schließlich: Carlos liebt eigentlich nur seine Mama, bis er die flippige Julia trifft, vermittelt durch eine seltsame Rendevouz-Anbahnungs-Agentur. Verwirrung entsteht zumindest in der ersten halben Stunde, weiß man als Zuschauer nicht, dass die dreifach gleiche Rollenbesetzung des Carlos mit Murilo Benicio und der Julia (Carolina Ferraz) ein clever gemeinter Regietrick sein soll. Zumal Pedro auch gleich zwei Mal auftaucht. So rätselt man, ob Pedro nicht nur schwul, sondern auch Anwaltskollege von Carlos ist oder ob Carlos vielleicht einen Zwillingsbruder hat, der eigentlich schwul ist, trotzdem aber eine Affäre mit einer Künstlerin hat und wartet darauf, dass seine Mutter alles raus bekommt. Oder alles nur ein Traum? Leider dann doch viel profaner. Das Staunen über die multiplen Persönlichkeiten, die Regisseurin Sandra Werneck auf die Leinwand lässt, wird noch verstärkt durch peinliche Dialoge, die so verkrampft an den Haaren herbeigezogen worden, dass man sich eher in einer brasilianischen Telenovela wähnt, als in einem abendfüllenden Spielfilm. Zumal Kamerafahrten und Musikauswahl ebenfalls stark an Soap denken lassen. Das könnte Charme haben und Spaß machen. Tut es aber nicht. Dann lieber gleich das Original und da bei uns nicht empfangbar als Ersatz „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ kucken!