11 Januar, 2004

Wir



Wir (2003)
R: Martin Gypkens

Wir sind die Generation auf dem Selbstfindungstripp, die Entwurzelten, die bis zum bitteren Erwachen mit unserer Clique aus der Cabinet-Werbung auf der WG-Party tanzen. Eigentlich wollen wir alle mal nach Indien, weil in Europa ist ja alles immer nur Dasselbe. Trotzdem zieht es uns aus den heimatlichen, miefigen Kleinstädten ins groβe Berlin, wo wir uns dann wie Florian (Oliver Bokern) aus Aachen erstmal kräftig wundern wo denn der Osten ist, von dem wir so viel gehört haben. Zum Glück finden wir dann Petronella (Rike Schmid), eine richtig Hübsche, die echt aus dem Osten kommt und Möbel aus Metall baut, was wir, da wir noch unbedarft sind und nicht wissen, dass wir es in der Grosstadt eigentlich durchgehend mit Kreativen und Lebenskünstlern zu tun haben, echt cool finden. Wir verlieben uns in die Metallbauerin, die aber eigentlich mit Till (Sebastian Reiβ) von der Filmhochschule verbandelt ist. Der hat mit Andreas (Patrick Güldenberg) gerade Filmförderung für irgendwas Experimentelles beantragt und merkt deshalb nicht, was da gespielt wird. Wir haben auch gerne mal einen bindungsunfähigen Freund wie Judith (Karina Plachetka), die immer nur wartet, dass Carsten (Knut Berger) mal anruft. Aber der bekommt gerade von Pit (Jannek Petri) mit der frisch gepiercten Brustwarze einen geblasen und deshalb ruft immer nur Micky (Sebastian Songin) an, der gefährlich einsam ist und gerne über die besten Wege, sich selbst aus dem Leben zu katapultieren, nachdenkt. Wir hauen uns öfters mal den Tag mit sinnlosen Quizsendungen um die Ohren wie die Käthe (Brigitte Hobmeier), die immer noch eine kleine Käthe ist, die sich lustig bunte Getränke für die Aura mixt, sich die Männer einfach pflückt und dann wieder wegschmeisst, wie die Blättchen einer Gänseblume. Bis eines Tages einer keinen Spass versteht.
Unsere Verantwortungslosigkeit lässt sich nicht in Worte fassen, nicht mal einen Hund könnten wir uns halten, geschweige denn Freunde fürs Leben. Über unsere Selbstzweifel sei sowieso lieber der Mantel des Schweigens gedeckt. Aber auf alle Fälle drehen wir irgendwann mal einen Film, so wie Martin Gypkens. Dieser wird dann indifferente Charaktere enthalten, abgedroschene Formeln einer Generation selbstverliebter Vielleichtsager und einen groβen Bang zum Schluss, der aber auch nichts wirklich ändert, denn wir hüpfen alle trotzdem weiter munter durch unser Klischeeleben. Bis uns selbst unsere Selbstironie einfach unerträglich wird.