20 Februar, 2004

Matthias X. Oberg

Tokio in neuer Übersetzung


Ein gesichtsloses Hochhaus in Berlin und wenig Zeit um mit M.X. Oberg über seine Variante einer Geschichte über Verlorensein in den reklameverdschungelten Straßen der japanischen Haupstadt zu reden. Kein Wunder, dass Sofia Coppolas Film mehr als nur ein Randthema war, zumal sich die Filmteams nur um Tage verpasst hatten – oder: gibt es ein anderes Tokio, als das, was wir alle insgeheim zu sehen wünschen?

Ihr Film lebt sehr von einer Bildsprache, die manchmal fast schon an Werbeästhetik denken lässt – was war zuerst da, die Geschichte oder die Stimmung, die sie vermitteln wollten?

Ich mochte schon immer Bilder, die künstlich erscheinen, wie in einem Comicstrip. In dem Moment, in dem du Bilder für eine Geschichte suchst, die unmittelbar mit einem Comic zu tun hat, kommst du dann eigentlich zwangsläufig zu einem eher künstlichen Stil. Ich bin fasziniert von einigen Werbefilmen und Musikvideos. Sie sind kleine Meisterwerke, die betrachte ich auch als Kunst.
Es ist ja auch so, dass die Werbebranche immer wieder Dinge macht, die schon im Kino zu sehen waren. Das passiert aber auch andersherum. Viele Kritiker in Deutschland kommen mit dieser, nennen wir sie ruhig mal Werbeästhetik, nicht klar. Sobald du einen bestimmten Stil für deinen Film entwickelst, heißt es gleich, das ist zu glatt, zu hübsch. In Deutschland zeigt man traditionell entweder schon fast hässliche Bilder oder alles ist zu sauber, die Bilder inhaltlich tot.
Manchmal hatten wir auch das Problem, das eine Einstellung irgendwie leblos wirkte. Gleichzeitig sollte es ja auch an ein Comic erinnern. Wir haben dann versucht das Bild zu „stören“. Sogar im Schnitt haben wir damit noch experimentiert.

Warum haben Sie ihre Geschichte eigentlich in Japan angesiedelt?

Ich hatte zunächst die Story ohne Tokio – einfach ein Mädchen, das Comics zeichnet und während sie zeichnet auf ein Verbrechen stößt. Dann hat mir eine Bekannte von diesen speziellen Bars in Japan erzählt, wo viele Europäerinnen versuchen schnell viel Geld zu machen – da war plötzlich meine Verbindung.
Wir haben dann sehr früh angefangen zu recherchieren, ein Jahr vor dem Drehstart. Mein Produzent hat mir einen Flug und ein Hotel bezahlt und da war ich dann in Tokyo und habe weiter an meinem Script gearbeitet. Ich erfuhr, dass sich in der Clubszene Einiges getan hatte. Es ist nicht mehr so einfach dort Geld zu machen. Es gibt zu viele Mädchen und die Kunden sind auch nicht mehr so spendabel.

Hatten Sie eigentlich nie Angst ein stereotypes Tokio-Bild zu zeichnen?

Jedes Jahr drehen ungefähr zwanzig Teams aus dem Westen in dieser Stadt und natürlich ist jeder erst einmal total geblendet von den Lichtern, der Reklame. Tokio ist aber auch einfach so, du musst es so zeigen, das lässt sich gar nicht umgehen. Die Frage ist nur, wie weit du gehst. Ich wollte vor allem am Beginn des Films die Faszination des grellen Tokios zeigen, gegen Ende wird es ja bei mir viel normaler, fast schon grau. Aber es liegt natürlich wirklich ein Problem darin, wie westliche Regisseure die Japaner darstellen.
Ich habe versucht, Stereotype zu vermeiden, andererseits scheint es fast so, als dass die Leute gar nicht genug davon kriegen können. Sieh mal „Lost in Translation“, der ist voll von Stereotypen und die Leute lieben diesen Film, die Kritiker auch. Sicherlich, er hat viel Charme und ist lustig...

...Und es gibt wohl zur Zeit auch einen ziemlichen Asien-Hype.

Das kann schon sein, man sollte aber auch nicht vergessen, dass Asien nicht erst gestern vom Westen für den Film entdeckt wurde. Die Amerikaner zum Beispiel haben sehr viele Filme mit einem sehr negativen Image von Japan gedreht. Die Japaner werden förmlich als die neuen Nazis dargestellt. Auch in „Lost in Translation“ findet sich ein eher negatives Bild der Japaner wieder.

Liegt das für Sie an einer gewissen Form von Arroganz?

Ja, ganz genau. Wenn ich an die Szene denke, wo die beiden in diesem Restaurant sitzen und sich über das Essen lustig machen – nebenbei bemerkt wirklich das wunderbarste Essen was du dort bekommen kannst und auch das teuerste – und die zwei sitzen da, als ob sie bei Mc Donalds essen würden...typisch Amerikaner! Oder die Szene, wo sie im Hotelzimmer rumsitzt und sich tödlich langweilt - da habe ich mir nur gedacht, Mensch krieg deinen Arsch aus dem Bett, du bist in einer der aufregensten Städte der Welt! Wenn es dir hier nicht gefällt geh doch nach L.A. zurück! Ich wollte in meinem Film zeigen, wie großartig diese Stadt ist und nicht, wie komisch die Leute dort sind. Natürlich gibt es davon auch ein paar Momente in „Lost in Translation“ und wie gesagt, eigentlich ist der ja auch sehr lustig.

Ist es eigentlich Zufall, dass Sie bisher noch nie in Deutschland gedreht haben?

Ja absolut. Ich bin manchmal richtig neidisch, wenn ich sehe, was für Filme meine Kollegen hier in Deutschland machen – zum Beispiel Hans Christian Schmid – aber ich sehe es auch als Herausforderung an, an fremden Orten Filme zu machen, weil man dort die Dinge noch nicht als gegeben betrachtet, sondern völlig neu entdeckt. Es besteht jedoch die schon erwähnte Gefahr nur die Oberfläche zu zeigen. Und natürlich kann ich auch nicht die japanische Kultur in ihrer ganzen Vielfalt in meinem Film verarbeiten. Die ist so reich und vielfältig, die kann ich ja als Europäer in ein paar Wochen gar nicht verstehen.

Ihr Film hat ein Happy-End, dass man durchaus kitschig nennen könnte.

Ich habe vielleicht eine andere Vorstellung von Kitsch als manche Leute. Für mich ist ein kitschiger Film irgend so ein schmalziger Hollywoodfilm. Ich habe eigentlich den Film gemacht, den ich in Deutschland immer auf großer Leinwand vermisst habe. Vielleicht ist es aber auch eine Generationsfrage. Ältere Zuschauer empfinden meinen Film eventuell eher als ein weiteres komisches MTV-Style-Produkt. Unsere Zielgruppe sind aber sowieso eher jüngere Leute, wenn auch keine Teens, die gehen ja lieber in die Hollywoodfilme.

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