12 März, 2004

Aus Liebe zum Volk

Schreibtischtäter


Aus Liebe zum Volk
R: Eyal Sivan

„Da sitzen sie auf ihren Parkbänken und reden die Instabilität des Sozialismus herbei“, ärgert sich Herr S., ein ehemaliger Offizier des Ministeriums für Staatsicherheit der DDR. Als er am 8. Februar 1990 wie alle Stasimitarbeiter seinen aufgeräumten Schreibtisch räumen musste, diktierte er Reinhardt Hahn seine Erinnerungen, Empfindungen und Weltanschauungen. In diesem Protokoll ist die Rede von der „Seele“ einer Akte, die in der exakten Dokumentation liege, dem „Glück“, zu dem man manche Bürger „einfach zwingen musste“, den „Andersdenkenden“, die „keine Sekunde unbeobachtet waren“.
Herr S. war ein Staatsdiener wie aus dem Bilderbuch. Loyal, fleissig, aufopfernd und keine Sekunde an der Notwendigkeit seiner Handlungen glaubend, stützte er die Mechanismen eines diktatorischen Überwachungsstaates.
Der israelische Filmemacher Eyal Sivan und seine französische Co-Autorin Audrey Maurion, die auch schon zusammen den Eichmann-Prozess in ihrem Film „Der Spezialist“ durchleuchteten, interessierten sich vor allem für den sehr modernen Aspekt des „Alles-überwachen heiβt alles wissen“- Ansatzes mit dem gerade heute wieder verstärkt Politik gemacht wird. Sie recherchierten gemeinsam mit der ostdeutschen Dramaturgin Cornelia Klauss in öffentlichen sowie privaten Archiven um möglichst unverbrauchtes Filmmaterial zu finden, welches den Moment der überwachenden Kamera implizierte. So entstand eine Found-Footage-Collage, die das von Axel Prahl gesprochene Protokoll des Stasioffiziers S. lückenlos untermalt. Dies ist zeitweise sogar amüsant, kann man doch den Kleingeist hinter dem Gesagten im Kontrast zum visuell Dargestellten spüren, meist aber erschrickt man vor der Konsequenz der untergegangenen Staatsmechanerie: gezeigt wird zum Beispiel der „Zugriff“ auf eine junge Mutter auf offener Straβe. Man erahnt das Schicksal der Kinder und die hartherzigen Mühlen der Bürokratie, die kein Entrinnen zulassen. Das sind die Momente des Filmes, die die Seelen hinter den Akten offensichtlich werden lassen.