08 Dezember, 2004

Carpatia

Geschichten aus der Mitte Europas


Carpatia (2004)
R: Andrzej Klamt, Ulrich Rydzewski
D: Kalyna Marusjak, Mykola Marusjak, Marinella Urs u.a.

Ein Mann und eine Frau stehen direkt vor dem Kameraauge. Sie tragen einfache aber farbenfrohe Kleidung, hinter ihnen die Bergkulisse der Karpaten. Sie leben in der Ukraine, im Huzulenland und sie sind zufrieden, wie sie sagen, obwohl jetzt wieder die Kälte kommt und sie im Winter wohl wieder eingeschneit werden. Dann tritt die Kamera näher, zeigt die Küche: ein einfacher Ofen, ein Teller mit dampfenden Essen, der alte Mann, der vielleicht noch gar nicht so alt ist, wie seine Falten vermuten lassen, bereitet Käse zu. Noch einige wunderschön arrangierte Aufnahmen von Haus und Hof und den Katzen, dann geht es weiter auf der Reise nach Rumänien, in die Slowakei, nach Polen, immer an der Gebirgskette der Karpaten entlang. Ein noch fast unentdecktes Stückchen Erde für Filmemacher, wie Andrzej Klamt und Ulrich Rydzewski meinten und sich deshalb auf die Suche begaben nach kleinen Geschichten und interessanten Charakteren. So wie Marinella Urs aus Siebenbürgen. Sie glaubt nicht an das irdische Glück, weiß aber auch nicht wogegen sie ihr einfaches Leben in den Bergen eintauschen sollte. Sie ist für ihre Mutter da, wie die für sie da war als sie noch klein war. Deshalb geht sie jeden Tag in den Dorfladen „Magazin Mixt“ und verkauft ihre Waren, die sauber aufgereiht in den Regalen stehen. Der Zyklus des Lebens scheint noch intakt zu sein, wenn man dem Himmel etwas näher ist. Man gibt sein Wissen weiter an die nächste Generation, so wie Gheorghe Pantir der Schmied in Transsilvanien, oder Vaclav Lankson, der Illusionist und Zauberkünstler, der mit seiner Familie gerade durch die „Kleinen Karpaten“ in der Slowakei tourt. Seine Frau, eine etwas überschminkte Rothaarige, sagt sie könne alles sein - Dienstmagd und Königin - in ihrem Leben. Sie hat dabei eine Freiheit im Blick, wie sie wohl nur dem fahrenden Volk vorbehalten ist – der Luxus der Nicht-Sesshaften. Trotz dieser fast malerischen Momente, die die Kamera sehr wohl durchdacht einfängt, wirkt dieses kleine Meisterwerk des Dokumentarfilms nicht eine Sekunde gestellt. Das Bergleben wird, obwohl märchenhaft gefilmt, nicht als entrückte Märchenwelt gezeigt, da die Kamera ganz bewusst von Außen beobachtet und gerade dadurch in den fragmentarischen Porträts auch Zwischentöne einfängt, Melancholie, Einsamkeit und schmerzhafte Veränderung: Alexandru und Maria Zlagrean können nicht in ihrem Dorf Rosia Montana in Rumänien bleiben, weil sie den Goldsuchern weichen müssen. Sie glauben nicht, dass sie sich an ihr neues Zuhause gewöhnen werden, obwohl es dort Strom, Gas und fließend Wasser gibt.