11 April, 2004

Die Mitte Europas

Europa träumt und ängstigt sich zusammen


Die Mitte Europas (2004)
R: Stanislaw Mucha

Stanislaw Mucha hatte mit „Absolut Warhola“ einen der interessantesten und humorvollsten Dokumentarfilme des Jahres 2001 gedreht. In Berlin sprach er über seinen ganz persönlichen Beitrag zur EU-Osterweiterung. Dabei kam es zu überraschenden Gesprächswendungen:

Habe ich Sie jetzt richtig verstanden, Sie mögen keinen Dokumentarfilm?

Genau, sehr viele Dokfilme langweilen mich. Wenn sie gut gemacht sind empfinde ich sie dann wie eine gut gestellte Falle auf mein Inneres. Damit habe ich moralische Probleme. Ich mag lieber Spielfilme. Bei denen weiβ ich, die Schauspieler sind bezahlt und wenn sie heulen, dann heulen sie, weil ihnen was in die Augen reingespritzt wurde.

Nun machen sie ja trotzdem dokumentare Filme, auch wenn Sie sehr frei mit ihrem Material umgehen.

Ich bin nicht durch Zufall zur Regie gekommen. Ich habe mich sehr bewusst entschieden Regisseur zu werden und habe dafür auf etwas verzichtet – ich war früher Schauspieler. Deshalb habe ich mir auch geschworen, dass so lange ich kein gutes Drehbuch in die Hand bekomme, das mich wirklich bewegt, ich nur das mache, was mich bewegt. So ist es eigentlich Zufall, dass ich bisher nur Dokumentarfilme gemacht habe.

Es liegt also an den Drehbüchern?

Die meisten Bücher, die du bekommen kannst sind Mist und dann kommt noch die Umsetzung dazu. Das Problem ist, wenn ein Schauspieler anfängt zu spielen, ist er uninteressant. Und dann diese Kamerafahrten! Das interessiert mich nicht. Mich interessieren Blicke, Gesten. An sich gibt es überhaupt keinen Unterschied zwischen einem guten Protagonisten im Dokfilm und einem sehr guten Schauspieler. Es geht um das Erreichen einer gewissen Wahrheit.

Sie sprachen von Ihren moralischen Bedenken gegenüber dem Dokfilm. Geraten Sie nicht auch ab und an in die Gefahr Ihre Protagonisten für Ihren Film zu nutzen?

Klar, ich nutze sie aus. Das ist so im Dokfilm. Wenn ich dahin gehe mit einer Kamera, will ich, dass sich die Menschen so weit öffnen, mich so weit reinlassen, dass es denjenigen, der den Film sieht, berührt. Darum geht es doch. Das ist Ausnutzen und Manipulation. Aber ich stelle die Dinge am Anfang ziemlich klar und wir arbeiten dann als Partner in Anwesenheit der Kamera. Ich sage den Leuten, sie sollen uns auch ausnutzen. Zum Beispiel ist bei einem Mann ganz lange der Fernseher kaputt gewesen und es endete damit, dass am Ende ein gut funktionierendes Gerät bei ihm stand - ich nehme denen was und fordere sie auf, auch zu nehmen.

Man merkt Ihren Filmen an, dass Sie aufgrund Ihrer polnischen Herkunft sehr leicht Zugang zu den Menschen in Osteuropa bekommen. Gehen Sie beim Drehen auch auf die Suche nach den eigenen Wurzeln?

Wenn Sie so wollen, ja. Die Leute sind aber auch einfach so, wie sie sind. Das ist nicht mein Verdienst. Auch wenn Sie als Deutsche kommen würden, bezweifele ich, dass sie sehr viel anders wären. Allerdings sind die Leute dort nicht so mediengeil, obwohl sie schon wissen, was Fernsehen, was eine Kamera ist, was Radio und was geschriebenes Wort bedeutet. Nur sie leben in einem bestimmten Kontext und denen geht es eben so, wie man es im Film auch sieht. Die sind nicht arm, die haben nur kein Geld.

Ein vereintes Europa lässt die bestehende materielle Kluft zwischen Ost und West sicher nicht verschwinden. Trotzdem scheinen die Menschen auf der ärmeren Seite irgendwo glücklich zu sein.

Mit dem „glücklich“ würde ich vorsichtig sein. Aber die Leute sind so am Boden, dass es einfach nur noch nach oben gehen kann. Aber sie haben sicher eine gewisse Form von Vitalität, den Besitz nicht garantieren kann.

Aber gerade bei den am wenigsten Bemittelten ist eine starke Abneigung gegen ein vereintes Europa zu spüren.

Na was denken Sie? Denken Sie, die Deutschen wollen ein vereintes Europa? Die schimpfen doch bis heute auf ihre eigene Wiedervereinigung. Ich werde jetzt gemein, aber was ist denn von der DDR auch letztlich geblieben? Die grünen Pfeile? Oder eine Vorlage für „Goodbye Lenin“?

Auf alle Fälle viel Nostalgie.

Und das ist sehr gefährlich. Ich bin gegen Nostalgie. Es ist tragisch. Und von allen Ländern in Europa haben bezeichnenderweise die Deutschen auch am meisten Angst vor der Osterweiterung– in Ost und West – weil sie versucht haben, sich zu vereinigen und wissen, es kann so oder so ausgehen. Genauso haben sowohl die Ost- als auch die Westeuropäer Angst. Sie fürchten um ihre Idendität. Zu recht auch.
Für mich ist die Mitte aber auch ein Film über den Stand des Europäers an sich – wer ist überhaupt Europäer, wer wird es und wer wird es nie werden.
Meine gröβte Entdeckung auf meiner Reise - die übrigens nicht zufällig vom Westen in den Osten führt - ist, dass wir Europäer uns mehr ähneln, als wir denken. Unabhängig von Nationalitäten, Sprache und Kultur sind doch die Ängste und Träume verdammt ähnlich.

Am Ende Ihres Filmes werden zwei Schweizer vom groβen schwarzen Loch der Mitte Europas verschluckt. Ist das eine Art Prognose für die Zukunft? Wer nicht beitritt geht unter?

Naja, die Schweizer verschwinden nur im Wald (lacht). Aber ich würde lügen, wenn ich jetzt von Prognosen sprechen würde. Aber es wird auf alle Fälle verdammt interessant, verdammt ernst und spannend. Eine Vermutung habe ich allerdings doch: es wird das passieren, wovor wir uns eigentlich schützen wollen. Der Nationalismus wird zunehmen. In der Kunst, in der ganzen Gesellschaft. Die Menschen werden Dinge tolerieren, bei denen sie sich vor zehn Jahren noch Mühe gegeben haben, nicht mal drüber zu reden.
Mit dem Verschwinden der Grenzen entstehen Grenzen, von denen ich gespannt bin, wie wir diese überwinden werden.

10 April, 2004

Blue End



Blue End (2000)
R: Kaspar Kasics

1993 wurde in Huntsville, Texas nach fünzig Jahren wieder ein Todesurteil vollstreckt. Am 5. August des genannten Jahres, um 24 Uhr 31 trat der Tod des Häftlings Nummer D/R 699 ein. Der Mann hinter der Nummer war Paul Jernigan, heute eher bekannt als der „Visible Man“. Jernigan hatte verfügt, dass sein Körper für wissenschaftliche Zwecke verwendet werden sollte. Was er nicht wusste war, dass Dr. Spitzer und Dr. Ackerman seit Jahren einen gesunden, nicht ledierten Körper suchten, um diesen auf minus 70 Grad herunterzufrieren, in kobaltblaue Gelatine zu gieβen und dann in millimeterdünne Scheiben zu schneiden. Der Todeskandidat erfüllte alle erforderlichen Maβe der Schneidevorrichtung und war dazu noch topfit, denn wie Spitzer im Expertenton anmerkt, geben Exekutiere eine „ziemlich gute Leiche“ ab, denn wenn „du krank bist, richten sie dich nicht hin“.
Er muss von physischen Krankheiten sprechen, denn die psychischen wurden bei Paul Jernigans Prozess nicht in Betracht gezogen. Für den Staatsanwalt verkörperte er den Teufel in Person und die Pflichtverteidigerin räumt im Nachhinein grobe Versäumnisse bei der Beweisführung ein. Zurück bleiben Pauls Bruder Bobby, seine Ex-Ehefrau und zwei Stiefkinder, die sich mehr oder weniger mit der Tatsache anfreunden konnten, dass sich jeder User des Internets (www.nlm.nih.gov) auf eine virtuelle Reise durch Paul Jernigans Körper begeben kann.
Regisseur, Drehbuchautor und Produzent des Filmes Kaspar Kasics hat seine Reise auf den Spuren des ersten digitalen Anatomieatlasses sehr weiträumig angelegt und ist dabei nur vage an den Menschen Jernigan herangekommen. Irgendwo zwischen Kritik an der Hinrichtungspraxis in Texas, medizinischen Einblicken in die Prozedur der exakten Zerstückelung einer Leiche, mit den anklingenden ethischen Bedenken und den Erinnerungen des trauernden Bobby scheint ein Stückchen emotionale Wahrheit der Geschichte um den Todeskandidaten D/R 699 zu liegen. Kasics konnte sich jedoch offensichtlich nicht entscheiden, was genau er mitteilen wollte und blieb deshalb auf der sicheren Seite einer ambitionierten Fernsehreportage: eine ausgleichende Balance zwischen allen recherchierbaren Aspekten verpackt in einer standardmäβigen Bildästhetik.

09 April, 2004

Carolina



Carolina (2003)
R: Marleen Gorri

Mit der Schönheit jener Blondinen gewappnet, die sich normalerweise in Nickihausanzügen auf Schöner-Wohnen-Couchgarnituren ins Bild rücken, kommt Carolina (Julia Stiles) eigentlich ganz gut durchs Leben. Mehr hat Regisseurin Marleen Gorris mit diesem Film wohl nicht sagen wollen, denn ihre Charaktere sind nicht mehr als die Abziehbilder ihrer selbst: Carolina arbeitet als Hostess einer schrecklichen Dating-Show und hat eine männliche Freundin – Albert (Alessandro Nivola) – die sich mit romantischen Schundromanen den Lebensunterhalt verdient. Aber sie hat keinen richtigen Mann. Und das ist das Problem, welches uns den ganzen Film beschäftigen soll. Grandma Mirabeau (Shirley MacLaine), die mit ihrer poltrigen Wo-sind-die-Klaviere-Lebensphilosophie den ach so chaotischen Familienladen schmeiβt, gibt Carolina deshalb auch ständig richtig Pfeffer, schlieβlich werden „die Titten ja nicht ewig stehen“.
Am Rande kommen noch die Schwangerschaftsproblematik von Carolinas labiler Schwester Georgia (Azura Skye) zur Sprache, die Pferdebesessenheit der jüngeren und etwas neurotischen Schwester Maine (Mika Boorem) und die Alkoholabhängigkeit des gemeinsamen Erzeugers (Randy Quaid). Natürlich taucht irgendwann doch der vermeintliche Mister Right (Edward Atterton) in vorher erwähnter Dating-Show auf, welcher Carolina auf Händen trägt, was bei Freund Albert ein Überdenken seiner brüderlichen Gefühle auslöst und am Ende genau dahin führt, wo wir es nicht anders erwartet hätten: zu einem zusammengezimmerten Happy-End.
Zugegeben, es mag Tage geben, an denen man im Nickihausanzug mit mindestens drei Freundinnen vor der Glotze hängt und Lust auf vorhersehbare Liebesgeschichten mit einem Hauch Drama hat. Dafür kann man sich dann ruhig mal „Carolina“ aus der Videotheke um der Ecke holen und sich eine Träne der Rührung abringen.