11 Juni, 2004

Ässhäk

Geschichten aus der Sahara


Ässhäk (2004)
R: Ulrike Koch
El Hadj Ibrahim Tshibrit, Schilen Rabidin u.a.

Kamele sind wunderschön, sie lächeln sogar, wenn man sie lange genug ansieht. Das hat Ulrike Koch getan und durch die spürbare Geduld mit der sie das Kamerauge (Kamera: Pio Corradi) ruhen lieβ, sind ihr nicht nur schöne Naturaufnahmen gelungen, sondern sie wurde auch eingelassen in das einfache Leben der Tuareg, den Bewohnern der Sahara. Sie betritt die Welt des Geschichtenerzählers El Hadj Ibrahim Tshibrit, ein Raum in dem Ässhäk, das heisst die guten Prinzipien des Wohlverhaltens und die Gottesfurcht oberste Regel sind. Mit respektvollem Abstand beobachtet die Filmemacherin die Menschen, ist beim Zeltbau oder der Teezeremonie mit anschlieβendem Mittagsschläfchen genauso dabei wie bei einem Freudenfest nach der Geburt eines Kindes und den Schminkritualen der Frauen.
Überhaupt legt sie ihr Hauptaugenmerk auf die weibliche Seite der Tuareg, was jedoch nicht willkürlich passiert sondern aus der starken Position der Frauen in der Wüstengesellschaft herrührt. Sie sind die Herrinnen der Zelte, die den Groβteil der Arbeit verrichten und sich dabei nicht auf die Männer verlassen, die sowieso „wie Schatten sind, der im Morgengrauen verschwindet“.
„Ässhäk“ ist ein ethnographischer Film im besten Sinne des Wortes, da er die Lebensphilosophien seiner Protagonisten ernst nimmt. Im Tempo des alltäglichen Rhythmus der Tuareg wird die Dramaturgie der Geschichte entwickelt, man muss sich als Zuschauer einlassen können auf den langsamen Fluss der Bilder, der immer wieder durch musikalische Einlagen unterbrochen wird. Zu den Klängen der Imzâd, einer einsaitigen Geige spielt eine schöne Nomadin mit wettergegerbten Gesicht Lieder, die Trost spenden sollen auf den langen Reisen durch den Sand. Die Kamele bewegen sich flink und behände durch die Dünen bis sie vom Horizont verschluckt werden.

At 5 in the Afternoon

Auf den weißen Sohlen der Hoffnung


At 5 in the Afternoon (2003)
R: Samira Makhmalbaf
D:Agheleh Rezaie, Abdolgani Yousefrazi u.a.

Lorca schrieb sein Gedicht als Erinnerung an einen spanischen Matador, Samira Makhmalbaf nutzt es als symbolisches Sprachspiel für ihren Film, der mehr ist als eine Momentaufnahme afghanischer Lebensumstände in Zeiten nach der Taliban. Obwohl die iranische Regisseurin nicht wertet und verurteilt, erhebt sie doch hörbar die Stimme für die afghanischen Frauen, zeigt sie in ihrer Stärke und Anmut, entschleiert sie, indem sie Nogreh, ihrer Hauptfigur, die wiederum symbolischen weiβen Pumps anzieht und sie stolz und aufrecht durch die staubigen Straβen Kabuls schreiten lässt. Nogrehs Vater ist ein Anhänger der Taliban, ein fanatischer Gläubiger, der mit der Gottlosigkeit, die über sein Land gekommen ist nicht weiter leben kann. Er will seine Tochter und seine Schwägerin, mit ihrem Neugeborenen in eine muslimische Stadt bringen und sie damit erretten. Auf ihrem Weg durch die Trümmerwüsten begegnen ihnen entwurzelte Menschen, ohne Hoffnung und Nahrung. Nogreh aber ist nicht entmutigt, sie möchte ihre neugewonnenen Chancen nutzen und für ihr Land da sein, sich bilden und die Sprache der Demokratie erlernen. Ihr groβes Vorbild ist Benazir Bhutto und sie träumt davon eines Tages Präsidentin von Afghanistan zu werden. Ihr Freund, der Dichter unterstützt sie und zwischen den beiden entwickelt sich ein Dialog, der den poetischen, fast mystischen Rahmen des Filmes bildet. Samira Makhmalbaf hat wie schon in ihrem vorherigen Spielfilm „Der Apfel“ ihre Darsteller am Schauplatz ihres Filmes gefunden und damit auch ihre Dialoge. Dadurch gelingt es ihr, den Konflikt zwischen Tradition und Moderne nachfühlbar zu machen ohne zu pauschalisieren, geht es ihr doch nicht nur um die mediale Wiedergabe eines politischen Konflikts mit Nachrichtenwert, sondern um eine tiefer gehende und weltweite Auseinandersetzung mit Fanatismus und seinen Wurzeln.