08 Dezember, 2004

Ray



Ray (2004)
R: Taylor Hackford
D: Jamie Foxx, Kerry Washington, Regina King u.a.

„And the Oscar goes to...“ mit großer Wahrscheinlichkeit mindestens einmal an die biographische Annäherung an ein Stück amerikanische Musikgeschichte. Der Film hat alles was er dafür braucht: Aufstieg und Fall eines berühmten Helden, Frauengeschichten, traumatische Kindheitserlebnisse und jede Menge Musik. Geschickt hat sich Regisseur Taylor Hackford die dramatischen Perlen aus dem Leben der Legende Ray Charles herausgepickt und sie auf einen musikalischen Faden, der die eigentliche Dramaturgie des Filmes darstellt, aufgezogen. Denn das Dazwischen, die musikalischen Feuerwerke, die Charles - durch das Spiel von Jamie Foxx förmlich wieder auferstanden - auf der Bühne und im Studio zaubert, sind das eigentlich mitreißende der Handlung. Der Rest bietet mehr als einen Tick zuviel von der amerikanischen Lieblingslegende „Vom Tellerwäscher zum Millionär“. In zahlreichen Rückblenden wird die ärmliche Kindheit des Musikers in Georgia, seine frühe Erblindung und der unglückliche Tod seines kleinen Bruders gezeigt, der auch immer wieder als gewichtiger Grund für Charles´ Drogensucht herhalten muss. Trotzdem bleiben die dramatischen Momente eher an der Oberfläche, da man diese schon mal genauso an anderer Stelle gesehen hat. Sie rufen deshalb auch nicht mehr als übliche Standardbetroffenheit hervor. Versuche psychologischer Studien, die sich an das Verhältnis zwischen Ray Charles und seiner Ehefrau herantasten, oder die schwindende Freundschaft zwischen Charles und seinen langjährigen Bandmitgliedern näher beleuchten, fehlen leider völlig und damit auch eine glaubhafte Annäherung an den Menschen hinter dem Musiker. Auch das Ende kommt etwas unvermittelt. 1965 schließt der Film, in dem Jahr, in dem Charles sich erfolgreich von seiner Heroinsucht befreit hatte. Zum Glück für seine Fangemeinde. Die kann jetzt noch einmal zu „Georgia in my mind“ im Kinosessel mitwippen.

Carpatia

Geschichten aus der Mitte Europas


Carpatia (2004)
R: Andrzej Klamt, Ulrich Rydzewski
D: Kalyna Marusjak, Mykola Marusjak, Marinella Urs u.a.

Ein Mann und eine Frau stehen direkt vor dem Kameraauge. Sie tragen einfache aber farbenfrohe Kleidung, hinter ihnen die Bergkulisse der Karpaten. Sie leben in der Ukraine, im Huzulenland und sie sind zufrieden, wie sie sagen, obwohl jetzt wieder die Kälte kommt und sie im Winter wohl wieder eingeschneit werden. Dann tritt die Kamera näher, zeigt die Küche: ein einfacher Ofen, ein Teller mit dampfenden Essen, der alte Mann, der vielleicht noch gar nicht so alt ist, wie seine Falten vermuten lassen, bereitet Käse zu. Noch einige wunderschön arrangierte Aufnahmen von Haus und Hof und den Katzen, dann geht es weiter auf der Reise nach Rumänien, in die Slowakei, nach Polen, immer an der Gebirgskette der Karpaten entlang. Ein noch fast unentdecktes Stückchen Erde für Filmemacher, wie Andrzej Klamt und Ulrich Rydzewski meinten und sich deshalb auf die Suche begaben nach kleinen Geschichten und interessanten Charakteren. So wie Marinella Urs aus Siebenbürgen. Sie glaubt nicht an das irdische Glück, weiß aber auch nicht wogegen sie ihr einfaches Leben in den Bergen eintauschen sollte. Sie ist für ihre Mutter da, wie die für sie da war als sie noch klein war. Deshalb geht sie jeden Tag in den Dorfladen „Magazin Mixt“ und verkauft ihre Waren, die sauber aufgereiht in den Regalen stehen. Der Zyklus des Lebens scheint noch intakt zu sein, wenn man dem Himmel etwas näher ist. Man gibt sein Wissen weiter an die nächste Generation, so wie Gheorghe Pantir der Schmied in Transsilvanien, oder Vaclav Lankson, der Illusionist und Zauberkünstler, der mit seiner Familie gerade durch die „Kleinen Karpaten“ in der Slowakei tourt. Seine Frau, eine etwas überschminkte Rothaarige, sagt sie könne alles sein - Dienstmagd und Königin - in ihrem Leben. Sie hat dabei eine Freiheit im Blick, wie sie wohl nur dem fahrenden Volk vorbehalten ist – der Luxus der Nicht-Sesshaften. Trotz dieser fast malerischen Momente, die die Kamera sehr wohl durchdacht einfängt, wirkt dieses kleine Meisterwerk des Dokumentarfilms nicht eine Sekunde gestellt. Das Bergleben wird, obwohl märchenhaft gefilmt, nicht als entrückte Märchenwelt gezeigt, da die Kamera ganz bewusst von Außen beobachtet und gerade dadurch in den fragmentarischen Porträts auch Zwischentöne einfängt, Melancholie, Einsamkeit und schmerzhafte Veränderung: Alexandru und Maria Zlagrean können nicht in ihrem Dorf Rosia Montana in Rumänien bleiben, weil sie den Goldsuchern weichen müssen. Sie glauben nicht, dass sie sich an ihr neues Zuhause gewöhnen werden, obwohl es dort Strom, Gas und fließend Wasser gibt.

07 Dezember, 2004

Schneeland



Schneeland (2005)
R: Hans W. Geissendörfer
D: Thomas Kretschmann, Julia Jentsch u.a.

Rau und peitschend weht der Schneesturm in den Weiten Lapplands. Die Schriftstellerin Elisabeth (Maria Schrader) ist auf der Flucht vor ihrem Leben. Ihr Mann ist gestorben und sie will ihm in den Tod folgen. Angezogen von einem mystischen Ruf der aus der eisigen Schneewüste zu ihr dringt, rennt sie querfeldein in die klirrende Kälte. Nach und nach lässt Regisseur Hans W. Geißendörfer Elisabeth eine Parallelwelt entdecken, die gut 60 Jahre entfernt liegt:
1937 ist Ina (Julia Jentsch) gerade 20 geworden. Sie lebt mit ihrem jähzornigen, verkrüppelten Vater (Ulrich Mühe) auf einem abgelegenen Hof. Ihre Mutter Helga (Ina Weisse) ist seit kurzem tot. Seither muss sie die Prügel ihres Vaters, dem Knövel vom Nattmyrberg, wie ihn alle nennen, alleine ertragen. Außerdem wird sie von ihm regelmäßig vergewaltigt, bildet er sich doch ein, sie müsse ihm als Tochter nun auch die Frau ersetzen. All dies findet Elisabeth heraus, als sie fast erfroren auf dem Nattmyrberg ankommt und in den ärmlichen Bauernkaden nach menschlichem Leben sucht. Nur kann Ina der Schriftstellerin ihr Schicksal nicht mehr selbst erzählen, sie liegt tot und vom Schnee verweht vor ihrem Haus.
Die dramatische Dichte mit der Geißendörfer das Leben auf dem Einsiedlerhof in den späten 30er Jahren schildert, wird immer wieder durch Zeitblenden in das Jetzt der Erzählebene gebrochen. Der Regisseur lässt Elisabeth in den Schubladen der Toten nach deren Geschichte sticksern und versucht dadurch die Schicksale der beiden Frauen zu verknüpfen. Dies ist problematisch, denn atmet das Lappland der Vergangenheit förmlich, mit all seiner brutalen Unmittelbarkeit, die sich in naturgewaltigen Bildern, aber vor allem in den beiden Figuren der Ina und des alten Knövel materialisiert, so scheint Maria Schrader als Elisabeth eher über eine puderzuckerne Theaterbühne zu flüchten, als durch echte Schneewehen. Ihre Monologe – oder besser Dialoge mit Ninas Leiche – sind zu schwaches Gegenstück zum eisigen Hass zwischen Nina und ihrem Vater. Die Parallelwelten des immerhin zweieinhalbstündigen Epos treffen sich deshalb trotz aller angestrengten Inszenierung nie wirklich.