02 September, 2005

Gespenster



Gespenster (Deutschland/Frankreich 2005)
R: Christian Petzold
D: Julia Hummer, Sabine Timoteo, Marianne Basler u.a.

Sie läuft herum mit geducktem Blick im übergroßen T-Shirt, schlurfend und die Hände tief in den Hosentaschen: Nina, lebt in einem Heim, Herkunft unbekannt, gerade soll sie im Trupp die Grünanlagen im Park sauber halten. Dort trifft sie auf Toni, eine Soldatin mit aufforderndem Blick und festem Schritt. Die beiden werden sich zusammentun und wieder verlieren. Denn was Nina nie gerlernt hat, kann Toni: auf sich selbst achten, andere nutzen und verlassen.
Die Figuren werden von Christian Petzold mit dem Seziermesser präzise aus einem erklärenden Kontext herausgeschnitten. Es gibt keine Information zu viel und auch kein Mitleid, nicht mal in Form von weichen, beschönigenden Bildern. Hans Fromms Kamerasprache ist klar, zurückgenommen und verstärkt damit Petzolds bis ins letzte Detail durchdachte Operation. Die erzählerischen Lücken müssen sich im Kopf des Zuschauers füllen, zur Not mit unserer eigenen gespenstischen Leere.
Nina stößt irgendwann auf Francoise. Sie ist Französin und seit Jahren auf der Suche nach ihrer entführten Tochter. Auch in Nina glaubt sie diese wiederzuerkennen. Doch bald wissen beide wieder, dass es nichts mehr zu finden gibt – zurück auf Anfang und Francoises Mann, unterwegs auf Berliner Straßen, hört Bachkantaten. Das ist Pathos pur aber der Film kann ihn sich leisten. Petzold erzählt, dass er Andersens Märchen gelesen hat, während er das Drehbuch schrieb und in den Geschichten des berühmten Dänen findet sich kein Erbarmen. Das Mädchen mit den Schwefelhölzchen wird nicht in die warme Stube eingelassen, die roten Schuhe mit der Axt von den tanzenden Beinen geschlagen und auch Nina geht zum Schluss aus dem Film ohne Aussicht auf ein Ende-gut-alles-gut.