10 Juni, 2005

Die Höhle des gelben Hundes

Wundersame Weisheiten aus der mongolischen Steppe


Die Höhle des gelben Hundes (Deutschland 2005)
R: Byambasuren Davaa
D: Nansal Batchuluun, Urjindorj Batchuluun u.a.

„So oft, wie ein Reiskorn auf einer Nadelspitze liegen bleibt, so wahrscheinlich ist es, als Mensch wiedergeboren zu werden“ erzählt die alte Frau der sechsjährigen Nansa. Und fast genauso oft kommt es vor, dass ein ethnographisch inspirierter Film ohne erklärendes Beiwerk auskommt und sich völlig auf die Kraft seiner Protagonisten verlässt. Dabei ist diese Geschichte einer Nomadenfamilie, welche die Regisseurin Byambasuren Davaa (Die Geschichte vom weinenden Kamel) wieder in ihre mongolische Heimat führt nicht im eigentlichen Sinne dokumentarisch, sondern vielmehr durch eine Erzählung von Gantuya Lhagva und den Anekdoten ihrer eigenen Großmutter beeinflusst. Doch bezeichnenderweise kümmert sich die Filmemacherin nicht um müßige Theoriedebatten. Sie zeigt mit sicherem Gespür für den Augenblick das Leben der Familie Batchuluun – Käsemachen, Kochen, das Abbauen einer Jurte – und verbindet dies mit der sagenhaften Geschichte des „gelben“ Hundes Zochor, den Nansa in einer Höhle findet und dabei ihr Kinderherz verliert. Dabei gelingt es Davaa den Einbruch einer neuen Zeit, die auch vor den Steppenbewohnern in der Mongolei nicht halt macht, zu thematisieren ohne aufdringlich zu werten. Die Problematik wird trotzdem deutlich: So ziehen immer mehr Menschen in die Städte weil sie sich dort ein materiell gesichertes Leben erhoffen und lassen dabei ihre Hunde zurück, die sich zum Leid der verbliebenen Hirten mit den Wölfen paaren und deren Vieh reißen. Auf der anderen Seite bietet die Stadt den Kindern Bildung und somit Wissen über die Grenzen ihrer Abstammung hinaus. Nansa geht auch in der Stadt zur Schule und ist für lange Zeit von ihrer Familie getrennt, trotzdem kann sie perfekt reiten, weiß wie man getrockneten Dung für das Feuer sammelt und bekommt die Rituale und Weisheiten ihrer Ahnen vermittelt – sie steht also für eine Generation, die Tradition und Umschwung gleichermaßen lebt.
Weil ein Reiskorn mit großer Wahrscheinlichkeit nicht auf einer Nadelspitze liegen bleibt, ist ein Menschenleben so wertvoll, ist die einfache Botschaft der alten Frau. Genau diese schlichten Wahrheiten sind es, die diesen Film und seine Menschen so ganz bei sich lassen und dabei mitten ins Herz gehen.

Kukushka

Krieg und Liebe


Kukushka (Russland/Finnland 2002)
R: Aleksandr Rogoshkin
D: Anni-Kristiina Juuso, Viktor Brychtov, Ville Haapasalo

Kukushka, der Kuckuck, ist ein fabelhafter Film in gleich mehreren Bedeutungsebenen, der zum Glück nun auch seinen Weg in deutsche Kinos gefunden hat: zunächst war ein „Kuckuck“ für die Finnen in der Zeit des 2. Weltkrieges ein verurteilter Scharfschütze. Veiko (Ville Haapasalo) ist einer von ihnen. Da die Finnen auf deutscher Seite kämpfen, wird er als überzeugter Kriegsverweigerer zum Verräter. In einer deutschen Uniform, gut sichtbar für die russischen Kampfflieger, prometheusgleich an einen Felsen geschmiedet, soll er sterben, doch mit Klugheit und der Kraft des Feuers kann er sich retten.
Kukushka ist aber auch der Geburtsname der jungen Lappin Anni (Anni-Kristiina Juuso), die seit ihr Mann in den Krieg eingezogen wurde, ihren kleinen Hof nebst Rentieren selbst versorgen muss. Bei einem ihrer Spaziergänge findet sie die Leichen von russischen Soldaten, die sie begräbt. Doch einer von ihnen atmet noch. Anni schleppt den schwer verwundeten Ivan (Viktor Brychtov) in ihre Hütte und pflegt ihn mit einer Mischung aus Rentierblut und Milch gesund.
Als Veiko mit den Resten seiner verräterischen Fußfessel auf dem Hof erscheint, ist die Besetzung des von Aleksandr Rokoshkins lehrreich inszenierten Verwirrspiels komplett. Nicht nur, dass sich Russland und Finnland noch im Krieg befinden - Ivan hält Veiko wegen dessen deutscher Uniform sowieso für einen feindlichen Faschisten – sondern Anni, die vier Jahre lang keinen Mann gesehen hat, ist mit so viel männlicher Präsenz völlig überfordert. Allerdings stoßen ihre erotischen Phantasien auf zunächst nicht verstehende Ohren – alle drei reden und philosophieren aneinander vorbei, was das gemeinsame Alltagsleben schwierig gestaltet.
Doch der Ort des Friedens, den Annis Hof und in gewisser Weise auch ihre kindlich-naive Seele verkörpern, hilft den beiden kriegsmüden Männern auch ohne viel Worte wieder zu sich selbst zu finden. „Kukushka“ steht somit für Krieg und Versöhnung in einem.
Das eigentlich „Fabelhafte“ an der moralischen Geschichte ist jedoch die unangestrengte Natürlichkeit mit der sie zwischen mystischer Metapher und amüsanter Dreiecksgeschichte balanciert. Zu danken ist dies dreier hervorragender Darsteller, aber auch der spröden Schönheit der lappländischen Landschaft.