28 September, 2005

Dear Wendy

Ein Schuss geht nach hinten los


Dear Wendy (Dänemark/Deutschland/Frankreich/GB 2005)
R: Thomas Vinterberg
D: Jamie Bell, Bill Pullmann, Michael Angarano, Danso Gordon u.a.

Liebe Wendy,

es ist nicht zu bezweifeln, dass du eine zauberhafte kleine Handfeuerwaffe bist, gut in der Hand liegst und eigentlich ohne Mühe selbstständig dein Ziel triffst, nur ist dieses ein recht zweifelhaftes und es wäre besser gewesen, Herr von Trier hätte dich einfach in diesem verrammschten Lädchen, wo du rumlagst, verstauben lassen. Leider hat er dann doch einige feuchtfröhliche Jungsträume an dich verschwendet und eine seltsam metaphorisch aufgeladene Geschichte geschrieben, die jegliche politische Korrektheit über Bord schmeißt, dies aber auf so dümmliche Weise tut, dass man sich im Kinosessel vor Peinlichkeit windet. Man hofft und fiebert wirklich, dass diese Gruppe Looser – Bandenname „Dandies“ - die er in einem Bergwerk ihre pazifistische Mantel-und Degenromantik mit Hilfe deiner Wenigkeit und anderer deiner Waffenbrüder und Schwestern ausleben lässt, doch noch irgendwann zu sich selbst findet – als Charaktere, als vorantreibende Kräfte dieses Filmes. Statt dessen bleibt es gleichbleibend langweilig. Schon die schwarze Kinderfrau deines Geliebten Dick (Jamie Bell) ist eine schlechte Kopie aus „Vom Winde verweht“ und deshalb vermutlich provokativ rassistisch in Szene gesetzt? Dann die sexistischen Schwärmereien des einzig weiblichen Mitglieds eures erlauchten Clubs, die von echten Männern monologisiert, sobald sie den hübschen schwarzen Hintern von Sebastian (Danso Gordon) sieht? Der ist ein Mörder und toller Schütze und deshalb potent? Nicht zu sprechen von dem unausweichlichen Showdown, der vermutlich eine sarkastische Anspielung auf ein weltberühmtes Spektakel, passiert an einer amerikanischen Highschool, sein soll? Oder nicht? Kannst du uns aufklären? Deine Schöpfer, die immer davon sprechen, dass sie ihre Kräfte bündeln, und somit mathematische Präzision (Trier) mit dem emotionalen Interesse am alltäglichen Leben (Vinteberg) verbinden wollten, lassen sich keine Kritik an irgendeiner Gesellschaft, oder der amerikanischen Gesellschaft im besonderen, nachsagen. Beide sind sie glücklich mit Coca Cola und Baseball im Fernsehen groß geworden, ließ Vinterberg verlauten. Und eigentlich ist Schießen eben auch was Tolles, so viel Macht in einer Hand. Gut, das das auch endlich mal jemand auf großer Leinwand thematisiert, denn in den verdammten Filmschulen sind ja Waffen im Bild nie zugelassen. Und auch keine Hunde, erzählt man sich. Kommt jetzt bald ein dänischer Kampfhundefilm ins Kino? Arbeitet Vinterberg seine unverarbeiteten Barrieren auf? Hat ihm Lars von Trier eine Gehirnwäsche verpasst? Bitte Wendy, schreibe bald, wir sind verzweifelt!

02 September, 2005

Gespenster



Gespenster (Deutschland/Frankreich 2005)
R: Christian Petzold
D: Julia Hummer, Sabine Timoteo, Marianne Basler u.a.

Sie läuft herum mit geducktem Blick im übergroßen T-Shirt, schlurfend und die Hände tief in den Hosentaschen: Nina, lebt in einem Heim, Herkunft unbekannt, gerade soll sie im Trupp die Grünanlagen im Park sauber halten. Dort trifft sie auf Toni, eine Soldatin mit aufforderndem Blick und festem Schritt. Die beiden werden sich zusammentun und wieder verlieren. Denn was Nina nie gerlernt hat, kann Toni: auf sich selbst achten, andere nutzen und verlassen.
Die Figuren werden von Christian Petzold mit dem Seziermesser präzise aus einem erklärenden Kontext herausgeschnitten. Es gibt keine Information zu viel und auch kein Mitleid, nicht mal in Form von weichen, beschönigenden Bildern. Hans Fromms Kamerasprache ist klar, zurückgenommen und verstärkt damit Petzolds bis ins letzte Detail durchdachte Operation. Die erzählerischen Lücken müssen sich im Kopf des Zuschauers füllen, zur Not mit unserer eigenen gespenstischen Leere.
Nina stößt irgendwann auf Francoise. Sie ist Französin und seit Jahren auf der Suche nach ihrer entführten Tochter. Auch in Nina glaubt sie diese wiederzuerkennen. Doch bald wissen beide wieder, dass es nichts mehr zu finden gibt – zurück auf Anfang und Francoises Mann, unterwegs auf Berliner Straßen, hört Bachkantaten. Das ist Pathos pur aber der Film kann ihn sich leisten. Petzold erzählt, dass er Andersens Märchen gelesen hat, während er das Drehbuch schrieb und in den Geschichten des berühmten Dänen findet sich kein Erbarmen. Das Mädchen mit den Schwefelhölzchen wird nicht in die warme Stube eingelassen, die roten Schuhe mit der Axt von den tanzenden Beinen geschlagen und auch Nina geht zum Schluss aus dem Film ohne Aussicht auf ein Ende-gut-alles-gut.